Gedanken – Hungersnot

"Einmal Schweinshaxen für den Herren und Schweinelendchen mit Spätzle für die Dame. Wohl bekomm’s!" höre ich den Ober sagen, der uns das eben genannte gerade serviert. Es duftet herrlich, und hungrig greifen wir beide nach Messer und Gabel, um unseren Appetit zu stillen. Und es duftet nicht nur herrlich, es schmeckt auch so. Eine Zeit lang essen wir schweigend, bis meine Freundin sich mir zuwendet: "Die Frau da drüben – die starrt uns die ganze Zeit an." Sie gibt mir mit einem verstohlenen Blick zu verstehen, in welche Richtung ich gucken muss. Die Gafferin ist schnell entdeckt: eine dürre Mitdreissigerin, die sich mit einem – vermutlich ihrem – Mann genau wie wir in diesem Gasthof eingefunden hat. Sie stochert lustlos in einem Salat herum und gafft vollkommen ungeniert zu uns herüber. Nun – das stimmt so nicht ganz. Denn eigentlich starrt sie nur meine Freundin an. Ich nicke ihr freundlich zu, und erschrocken, bei ihrer nicht ganz heimlichen Spionageaktion ertappt worden zu sein, wendet sie ihren Blick ab. "Jetzt guckt sie nicht mehr," sage ich zu meiner Freundin. Sie nimmt es lächelnd zur Kenntnis und wir essen weiter. Es dauert nicht lange, dann bemerke ich, wie ein einige Tische entfernt sitzender Herr zu uns herüber lugt. Ich schätze ihn auf etwa 30. Er trägt einen teuren Anzug, und ihm gegenüber sitzt eine schlanke Frau im Hosenanzug. Auch sie ist keinesfalls viel älter als 30. Obwohl er sich alle Mühe gibt, nicht entdeckt zu werden, so ist doch offensichtlich, dass er immer wieder meine Freundin anblickt. Sie bemerkt es nicht. Meine Freundin gefällt ihm, aber ist das ein Wunder? Ich grüße auch ihn mit einem freundlichen Nicken, und er erwidert das Nicken mit einem vorsichtigen Lächeln. Dann wendet er sich wieder seiner Frau zu, die gerade einen Schluck Wasser trinkt, bevor sie sich wieder an ihren Salat macht. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Dann esse ich weiter, und wenig später haben wir beide unsere Teller geleert. Satt lehnen wir uns zurück, und meine Freundin legt ihre Hand auf ihr kleines Bäuchlein. "Das war gut," sagt sie, und ich sehe, dass sie gerne aufstoßen möchte. Sie verkneift es sich. Irgendwann kommt der Ober, und wir zahlen. Dann gehen wir. Ich bemerke, dass die Gafferin ihr Interesse an meiner Freundin wiederentdeckt hat, und auch der Herr im Anzug blickt wieder in ihre Richtung – diesmal sogar mit Unterstützung seiner Frau. "Gedankenlesen ist gar nicht so schwer," denke ich, und lege meinen Arm um meine Freundin, der die erhöhte Aufmerksamkeit ihre Person betreffend natürlich nicht verborgen geblieben ist. Dann verlassen wir den Gasthof. Draussen meint meine Freundin: "Was haben die denn alle so interessiert geguckt?"

"Ach weisst du," antworte ich gelassen, "ich glaube wir waren die einzigen in dem Gasthof, die nicht gemerkt haben, dass eine Hungersnot ausgebrochen ist."

Leave a Reply