kinjiro – Mia & Sarah – 1 – Das Geheimnis

Es war kurz vor 21.00 Uhr, eine ganze Stunde früher als Freitags üblich, als Mia aus dem Bus stieg. Es hatte den ganzen Tag geregnet, doch jetzt schien der Himmel ein Einsehen zu haben und Mia würde das letzte Stück ihres Heimwegs wenigstens trockenen Fußes zurücklegen können. Ein ordentlicher Regenschauer hätte im Moment zwar besser zu ihrer Stimmung gepasst, dennoch war sie froh, dass ihr wenigstens das erspart blieb. 3 Monate Arbeit! Und dann sowas! Klar, sie hatte sich nicht so rein gehängt wie sie es normalerweise tat, aber dass sie gleich durchfallen würde, das hatte sie nun wirklich nicht erwartet. Vielleicht hätte sie doch einen anderen Kurs belegen sollen, aber dass sich "Das Klima auf dem indischen Subkontinent" als derart umfangreich erweisen würde, hatte sie ja vorher nicht wissen können. Gott sei Dank würden nächste Woche erstmal die Semesterferien beginnen, Zeit genug, sich auf die Wiederholungsklausur am Ende derselben vorzubereiten. Trotzdem hätte Mia sich einen besseren Start in die Ferien vorstellen können.

Der Weg von der Bushaltestelle bis zu dem Mietshaus, in dem sie sich eine Wohnung mit ihrer jüngeren Schwester Sarah teilte, war nicht sehr weit. Er führte durch einen kleinen, schön angelegten Park, der unmittelbar vor dem Haus endete. Mia konnte schon vor Verlassen des Parks erkennen, dass im zweiten Stockwerk noch Licht brannte. Ihre Schwester war offenbar zu Hause. Eigentlich hatte Mia erwartet – nein, gehofft -, dass ihre Schwester zumindest am letzten Tag des Semesters mit ihren Kommilitonen ausgehen würde. Immerhin war sie seit der Trennung von ihrem Freund vor etwa 6 Wochen nur noch zu Hause gesessen. Mia wäre in dieser Zeit schon lange die Decke auf den Kopf gefallen, doch Sarah schien es kaum zu stören. Sie hatte sich in letzter Zeit ohnehin recht seltsam verhalten, wenig gesprochen und sich häufig in ihr Zimmer zurückgezogen, wo sie – ach, was wusste Mia schon, was Sarah dort tat. Ein Grund mehr, sich Sorgen zu machen. Im Moment hingegen war diese Situation Mia beinahe recht, vielleicht hatte sie Glück, und sie würde sich heute Abend bei Sarah den Ärger über die Klausur von der Seele reden können. Sarah war schon immer eine gute Zuhörerin gewesen.

Weniger als eine Minute später war Mia die Treppen in den zweiten Stock hinaufgestiegen und schloss die Tür auf. Sie trat ein, warf ihre Tasche achtlos in eine Ecke und schloss die Tür. Während sie ihre Jacke auszog und in die Garderobe hing, hörte sie aus der Küche ein leises "Verdammt!", ausserdem das Geräusch von einem Stuhl, den jemand hastig zurück rutschte, gefolgt von schnellen Schritten und schließlich den leisen, dumpfen Ton einer Tür, die vorsichtig geschlossen wurde. Wahrscheinlich hatte Sarah wieder mal irgendeine eine ihrer Sachen verlegt und suchte danach – erfolglos, wie Mia schien.

"Ich bin heute etwas früher zu Hause." rief Mia in Richtung von Sarah’s Zimmer. Dann bückte sie sich, zog ihre Schuhe aus, nahm die Klausur aus ihrer Tasche und ging an Sarah’s Zimmer vorbei in die Küche. Dort legte Mia die Arbeit auf den Tisch und bemerkte das nicht abgespülte Geschirr auf der Anrichte, bevor sie zum Kühlschrank ging um sich einen gekühlten Fruchtsaft zu nehmen. Gerade als sie die Tür des Kühlschranks schloss, hörte sie ein leises "Klick". "Merkwürdig, so klingt die Kühlschranktür doch sonst nicht", dachte Mia und öffnete und schloss dieselbe erneut. Kein "Klick" diesmal. Egal, wahrscheinlich hatte sie sich getäuscht. Sie ging wieder zum Tisch, beugte sich über die Arbeit und beäugte zum wiederholten Male an diesem Tag ungläubig den Vermerk des Korrektors. "Sarah, kommst du mal? Ich muss dir was zeigen!" rief Mia. Sarah antwortete nicht. "Hast du mich gehört?" erkundigte sich Mia. Wieder nichts. Ungeduldig blickte Mia zur Küche hinaus, aber Sarah schien es tatsächlich nicht gehört zu haben. Mia seufzte, ging aus der Küche – da war wieder dieses "Klick"-Geräusch – und zu Sarah’s Zimmer. Die Tür war geschlossen, also klopfte Mia an und öffnete ohne Sarah’s "Herein" abzuwarten die Tür. Sarah war nicht in ihrem Zimmer.

"Seltsam", dachte Mia. Sie hatte doch gehört, wie eine Tür geschlossen worden war. Vielleicht war Sarah ja im Bad. Mia ging wieder aus Sarah’s Zimmer und blickte in Richtung des Bades. Die Tür war zu, doch Mia konnte am Licht, dass unter der Tür hervor drang, erkennen, dass Sarah im Bad war. Sie ging zur Badezimmertür, klopfte an, trat aber diesmal nicht ein.

"Bist du da drin, Sarah?"

"Ja. Was ist denn?" Sarah’s Stimme kam zögerlich, klang irgendwie nervös – Mia nahm’ es unbewusst wahr.

"Ich hab’ heute meine Klausur raus bekommen, die musst du dir mal ansehen. Ich hab die total in den Sand gesetzt."

"Das geht jetzt nicht!" zischte Sarah.

"Ach komm, bitte. Wenn du ein Problem mit deinen Klausuren hattest, dann hab ich dir auch immer geholfen." erwiderte Mia.

"Trotzdem. Ich hab’ keine Zeit jetzt."

"Mensch Sarah, es dauert ja auch nicht lange."

"Nein. Und jetzt lass mich in Ruhe!" Sarah wirkte gereizt.

"Na dann eben nicht. Aber glaub ja nicht, dass ich das vergesse!" drohte Mia noch, bevor sie wieder in die Küche ging, wo sie sich an den Tisch setzte und ihre Klausur zur Hand nahm um selbige erneut nach einem möglicherweise doch noch auffindbaren Punkt, der ihr nicht gegeben worden war und die Klausur raus reissen könnte, abzusuchen.

Was war nur mit Sarah los, sie war doch sonst nicht so abweisend, wenn Mia jemanden brauchte, der einfach nur zuhörte. Gut, in letzter Zeit hatten sie einander nur selten gesehen, was zum Teil daran lag, dass ihre Vorlesungen an der Uni zeitlich mit denen von Sarah auseinander lagen, aber auch daran, dass Mia seit gut zwei Monaten abends nebenbei in einem kleinen Cafe arbeitete, um ein wenig Geld nebenbei zu verdienen. Was auch ziemlich nötig war, denn die Miete der Wohnung war alles andere als niedrig. Wenn, dann sahen sie einander am Wochenende, aber viel unternahmen sie deswegen trotzdem nicht gemeinsam. In den Semesterferien würden sie sicher wieder mehr Zeit haben, um gemeinsam auf die Piste zu gehen. Nur im Moment half das Mia alles nicht weiter. Sie hätte Sarah jetzt gebraucht, genauso, wie Mia ihrer Schwester zugehört hatte, nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt hatte. Verglichen damit war zwar ihre Klausur kein großes Problem, aber auch ein kleines Problem konnte sehr ärgerlich sein. Vielleicht überlegte Sarah es sich ja noch und würde gleich kommen.

Wieder klickte es, und diesmal konnte Mia auch den Blitz sehen. Gegenüber dem Tisch stand auf dem mittleren Brett des buchenen Holzregals die kleine Digitalkamera, die Sarah und sie vor rund einem halben Jahr gekauft hatten, als sie mit ihren Freunden eine Reise nach England unternommen hatten. Sie hatten dort viele schöne Bilder aufgenommen, von denen einige jetzt eingerahmt an verschiedenen Wänden der Wohnung hingen. Mia wunderte sich ein wenig, was das ganze sollte, und stand auf, um die Kamera zu untersuchen. Vielleicht hatte Sarah die Kamera gebraucht und dann dort vergessen. Aber warum fotografierte das Ding dann? Mia hatte Sarah oft erklärt, dass sie die Kamera nach Gebrauch abschalten sollte, damit der Akku nicht so oft aufgeladen werden musste und damit vielleicht länger halten würde. Sarah war extrem vergesslich, was solche Dinge anging.

Mia nahm die Kamera und drehte sie um. Das kleine, grün leuchtende LED-Lämpchen verriet Mia, dass das Gerät noch genug Strom vom Akku bekam. Mia warf einen kurzen Blick auf das Display, auf dem die letzte Aufnahme noch zu sehen war (nämlich Mia, wie sie am Tisch saß), und wollte dann die Kamera ausschalten. Dann sah Mia jedoch im Display die Zählnummer des aktuellen Bildes: 189. Mia runzelte die Stirn. So viele Bilder konnten doch gar nicht auf der Kamera sein. Sie und Sarah übertrugen gemachte Bilder immer gleich auf den PC, damit sie nicht aus Versehen überschrieben wurden. Erst vor zwei Tagen hatte Mia selbst die Bilder gesichert, die sie im Park von einigen der dort so schön angelegten Blumenanlagen gemacht hatte. Aber erstens hatte sie nicht mehr als 20 Bilder gemacht, und zweitens hatte sie diese danach auf der Kamera gelöscht. Sarah musste die Kamera also heute benutzt haben. Aber wovon konnte man so viele Bilder machen? Mia fiel beim besten Willen nichts ein. Es ging sie zwar eigentlich nichts an, aber Mia war neugierig, und so drückte sie zweimal die untere Pfeiltaste an der Kamera, so dass das Display die erste Aufnahme zeigte.

Auf dem Display konnte sie Sarah sehen, die mitten in der Küche stand und in die Kamera grinste. Das Bild war exakt von der Position aus aufgenommen worden, an der Mia die Kamera entdeckt hatte. Sarah trug Jeans und ein weißes, ärmelloses Oberteil, das nur von zwei dünnen Trägern gehalten wurde. Ihr langes, kastanienbraunes Haar hing offen herab und betonte ihre weibliche Figur. Obwohl Sarah nicht ganz schlank war, musste sich Mia wieder einmal eingestehen, dass ihre kleine Schwester überaus hübsch war. Ein paar Rundungen an den genau richtigen Stellen verliehen ihr eine Ausstrahlung, die auf viele Männer anziehend wirken musste. Mia selbst war einen guten Kopf größer als ihre nur knapp 1,65 m große Schwester, und sie hatte auch nicht so weibliche Rundungen – statt dessen eine eher schlanke, elegante Figur. Ausserdem war ihr Haar nur etwa schulterlang – sie ließ es häufig nachschneiden, da sie es in dieser Länge einfach unkomplizierter fand.

Mia drückte auf die Pfeiltaste und das Display zeigte das nächste Bild. Diesmal war Sarah’s Gesicht aus der Nähe zu sehen. Sie blickte mit ihren braunen Augen verträumt in die Luft und lächelte. Das Bild war etwas im Profil aufgenommen worden, so dass man Sarah’s kleine Stupsnase erkennen konnte. Bis auf ein paar Details sahen sie einander eigentlich recht ähnlich, dachte Mia. Sie selbst hatte eine kleine, spitzige Nase, und auch ihre Augen waren nicht braun, sondern grün. Dafür hatte der Mund bei beiden Schwestern die gleiche Form, mit schmalen, dünnen Lippen. Mia betätigte wieder die Pfeiltaste.

Auf den nächsten Bildern posierte Sarah, mal stehend, mal sitzend, mal von vorne, mal von der Seite, mal war sie nah an der Kamera, mal war sie weiter entfernt. Dann kam ein seltsames Bild: Sarah war von der Seite zu sehen, hatte ihr Oberteil mit der einen Hand hoch geschoben und hatte sich die andere Hand flach auf den Bauch gelegt. Mia blätterte weiter, und das nächste Bild zeigte Sarah in der gleichen Pose, nur von vorne. Mia hatte keine Ahnung, was Sarah damit wohl beabsichtigte. Sie klickte wieder ein Bild weiter, und diesmal war Sarah nicht im Bild. Oder halt, doch, sie war im Bild, zumindest ein Teil von ihr. Mia sah am linken Bildrand einen Teil von Sarah’s Hosenbein. Offenbar stand sie bei der Anrichte. Auf dem nächsten Bild kam Sarah zurück ins Sichtfeld der Kamera, sie trug etwas, das Mia nicht erkennen konnte. Es sah aus wie… ein Teller?

Das nächste Bild ließ Mia’s Mund offen stehen. Sie verstand allmählich gar nicht mehr, was um alles in der Welt Sarah da veranstaltete. Es war tatsächlich ein Teller gewesen. Er stand jetzt auf dem Tisch. Und auf dem Teller türmte sich ein riesiger Berg mit Nudeln auf. Sarah selbst saß am Tisch und grinste wieder in die Kamera. Mia blätterte weiter, und die nächsten Bilder zeigten: Sarah, die mit Löffel und Gabel bewaffnet die Nudeln aß.

Ungläubig klickte sich Mia weiter durch die Bilder. Sie konnte sich nach wie vor absolut keinen Reim auf diese Bilder machen, aber eines war offensichtlich: entweder war ihre Schwester völlig verrückt geworden, oder Mia träumte. Mia kniff sich mit zwei Fingern in den Arm, aber es schmerzte nur und sie wachte nicht auf. Sie hatte sich das nicht eingebildet. Die Bilder zeigten ihre Schwester, die dabei war, eine Familienportion Nudeln zu verdrücken.

Doch damit nicht genug. Die Bilder, die dann kamen, wurden immer skurriler. Am Anfang bemerkte Mia es gar nicht wirklich, dann aber wurde es immer deutlicher: es war Sarah’s Bauch. Irgendwie schien er von Bild zu Bild runder zu werden. Beim nächsten Bild – sie war jetzt bei Bild Nr. 120 – hatte Mia gar den Verdacht, dass… aber das konnte doch nicht sein. Mia klickte auf die Zoom-Taste (das Display war eigentlich viel zu klein, wenn man den Preis der Kamera bedachte, schoss es Mia völlig unpassend durch den Kopf). Tatsächlich, sie hatte sich nicht getäuscht. Sarah’s Jeans standen offen! Und dort, wo normalerweise der Reissverschluss die Hose zusammenhielt, wölbte sich jetzt ein praller Bauch nach vorne, der sogar das weiße Top ein wenig nach oben schob!

Mia verstand überhaupt nichts mehr. Sie starrte ungläubig auf das Bild. Sarah war übergeschnappt. Das war ihr einziger Gedanke. Sarah war vollkommen übergeschnappt. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Übergeschnappt. Oder krank. Ja, vielleicht war sie krank. Mia dachte angestrengt nach. Natürlich, ihre Schwester musste krank sein – vielleicht hatte sie eine Essstörung? Mia fasste sich an den Kopf, in der anderen Hand immer noch die Kamera, die nach wie vor Sarah’s aufgeblähten Bauch zeigte. Krank. Das war die einzig logische Erklärung. Sarah, die sich in letzter Zeit immer mehr zurückzog. Nicht mehr raus ging. Keine Lust zu reden hatte. Sarah, die sich jetzt vollstopfte, bis ihr Bauch so prall war wie der einer Schwangeren. Und die jetzt im Bad war. Im Bad! "Bulimie!" schoss es Mia durch den Kopf. Wie vom Blitz getroffen wirbelte sie herum und wollte zum Bad stürzen.

"Na, hast du genug gesehen?" fragte Sarah, die in der Tür lehnte. Sie trug einen Bademantel.

Mia machte abrupt Halt und wäre beinahe gestolpert. Sie hielt immer noch die Kamera fest in der Hand.

"Mein Gott, Sarah…" rief sie und breitete die Arme aus, um ihre Schwester zu umarmen. Die aber machte hastig eine abwehrende Geste mit beiden Händen, und Mia fuhr sich statt dessen nervös durch die Haare. Sie blickte ihre kleine Schwester durchdringend an. Sarah verschränkte die Arme über dem Bauch und lehnte weiter in der Tür. Sie sah ziemlich erschöpft aus. Mia wusste nicht, was sie machen sollte. Sie wollte etwas sagen, doch ihr fiel nichts ein. Sie starrte unentwegt ihre Schwester an, wie sie versuchte, lässig dazustehen, obwohl sie mindestens genauso nervös war.

"Kann ich die haben?" fragte Sarah nach einiger Zeit, und deutete vorsichtig auf die Kamera. Mia blickte die Kamera an, dann wieder Sarah, dann die wieder die Kamera. Sarah wurde ungeduldig.

"Wenn du sie mir nicht geben willst, dann stell sie wenigstens in das Regal. Du zitterst total, nicht, dass sie runter fällt." mahnte Sarah.

Sarah hatte Recht, wie Mia bemerkte. Sie zitterte tatsächlich. Vorsichtig stellte sie die Kamera ins Regal zurück.

"Geht… geht’s dir gut?" fragte Mia stotternd, als sie endlich ihre Stimme wiederfand.

Sarah blickte sie ausdruckslos an. "Ja.", sagte sie schließlich.

"Sarah, ich meine es ernst!"

"Mir geht es gut!" erwiderte Sarah, schärfer diesmal, aber immer noch war ihre Nervosität bemerkbar.

"Und DAS da?" rief Mia und deutete auf die Kamera. "Kannst du mir das vielleicht erklären?"

"DAS da," äffte Sarah sie nach, "ist gar nichts."

"Mensch Sarah, jetzt lass dir doch helfen!"

"Helfen?" fragte Sarah ein wenig verwundert.

"Ja, helfen! Jetzt tu’ doch nicht so, ich hab die Bilder doch gesehen!"

Sarah wechselte ungeduldig das Standbein und blickte ausweichend an ihrer Schwester vorbei.

"Jetzt hör mir doch mal zu! Ich weiß was das ist, dagegen kann man doch was tun! Wie lange hast du das denn schon?"

"Was soll ich wie lange haben?" Sarah blickte jetzt ihre Schwester wieder an, aber anscheinend verstand sie nicht, worauf Mia hinaus wollte.

"Verdammt Sarah, veralbern kann ich mich alleine! Ich weiß doch, was eine Essstörung ist, darüber kann man ja genug les…" begann Mia, doch Sarah unterbrach sie.

"Ich habe doch keine Essstörung!" rief Sarah entrüstet.

"Und was soll das dann bitte sein?" Mia sah sie flehend an.

Sarah setzte zu einer Antwort an, sagte aber dann doch nichts. Sie schien zu überlegen, Mia merkte, dass ihr die Situation unangenehm war.

"Ich… – können wir uns erstmal hinsetzen?" meinte Sarah schließlich.

Mia und Sarah setzten sich an den Tisch, wobei Sarah schwer ausatmete, als sie sich hinsetzte. Mia blickte ihre Schwester erwartungsvoll an, doch die machte keine Anstalten, etwas zu erklären.

"Also? Was ist jetzt?" fragte Mia schließlich.

"Das ist nicht so leicht."

"Essstörungen sind nie leicht zu erklären."

"Verdammt nochmal, ich HABE keine Essstörung!"

"Dann sag’ mir endlich, was los ist!" verlangte Mia.

Sarah sah flehend zur Tür, dann zur Kamera, dann wieder ihre Schwester an. Sie biss sich auf die Lippen – Sarah machte das immer, wenn ihr etwas peinlich war und sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Endlich weihte Sarah Mia in ihr Geheimnis ein.

"Ich mache Photos." sie deutete auf die Kamera.

"Ja, das sehe ich auch. Aber ich verstehe nicht…"

"Lass mich doch mal ausreden, das ist auch so schon peinlich genug."

"Ich will dir doch nur helfen, das muss dir nicht peinlich sein."

"Du BRAUCHST mir nicht zu helfen." zischte Sarah. "Also: ich mache Photos. Für Geld."

"Wie: für Geld?" sagte Mia.

"Naja, ich mache halt Photos, und bekomme Geld dafür."

"Für DIESE Photos? Willst du mich verarschen?"

"Nein, ehrlich!"

"Wer sollte denn bitte an solchen Photos interessiert sein?"

"Oh, da gibt es einige." grinste Sarah. Mia blickte sie ungläubig an und wollte etwas erwidern, aber Sarah hob die Hand um ihr anzudeuten, dass sie jetzt reden wollte.

"Weisst du, was ein Stuffer ist?"

Mia blickte sie zwei Sekunden fragend an und schüttelte dann den Kopf. Sarah seufzte.

"Hätte ich mir denken können. Aber du weißt doch sicher, was ein Fußfetischist ist? Oder ein Brustfetischist?" Worauf wollte Sarah hinaus? Mia nickte ungeduldig. "Gut. Ein Stuffer ist auch ein Fetischist. Ein Bauchfetischist."

"Ein was?" fragte Mia ungläubig.

"Ein Bauchfetischist." wiederholte Sarah. Sie wurde sichtbar ruhiger, während sie sprach. "Zumindest könnte man es der Einfachheit halber so erklären. Das sind Leute, die drauf stehen, wenn sich jemand den Bauch voll schlägt, bis der Bauch so richtig prall ist."

"Sowas soll es geben?"

"Glaubst du mir nicht? Du hast die Bilder doch gesehen."

"Ja schon, aber… das kann doch nicht wahr sein!"

"Ist es aber. Oder was hast du gedacht, dass ich da mache?"

"Also für mich sah dass aus wie ein Fressanfall mit anschließendem Gekotze."

"Ich glaube, du hast die Bilder nicht richtig angesehen. Ausserdem", sagte Sarah und legte eine Hand auf ihren Bauch, "bin ich nur ins Bad geflüchtet, weil du mich überrascht hast. Du warst heute ziemlich früh dran." Erst jetzt bemerkte Mia, dass unter dem Stoff des Bademantels eine doch recht ordentliche Wölbung von Sarah’s Bauch auszumachen war.

Mia ließ sich das, was Sarah ihr gerade erklärt hatte, durch den Kopf gehen. Bauchfetischisten. Leute, die sich vollstopften, bis sie fast platzten. Das klang so verrückt, dass es fast wahr sein konnte. Wenn Sarah die Wahrheit sagte, dann hatte sie wenigstens keine Bulimie.

"Ok, angenommen, ich glaube dir. Du hast gesagt, dass du für die Photos Geld bekommst. Wie lange machst du das schon?"

"Seit ein paar Monaten."

"Seit ein paar Monaten? Und dir macht das wirklich Spaß?"

"Und wie!" grinste Sarah. Dann fügte sie hinzu: "Weißt du was? Ich glaube, ich sollte dir etwas zeigen."

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