kinjiro – Jennifer – 1 – Der Fernsehabend

Gelangweilt zappte Jennifer sich durch das Freitagabendprogramm. Politik. Sport. Werbung. Irgendeine Comedy-Sendung. Wieder Werbung. Ein Spielfilm, der aber schon eine Weile lief. Und nochmal Werbung. Nachdem Jennifer die Programmumschalttaste noch einige Male lustlos betätigt hatte, blieb sie schließlich bei einer Quizshow hängen. Einer von denen, in denen ein ohne Unterlass (und offenbar auch ohne sich viele Gedanken über das zu machen, was er sagte) redender Moderator leichtgläubige Zuschauer zu einem Anruf zu bewegen versuchte, mit dem sie dann ihr großes Glück machen würden – oder, wie in diesem Fall, fünfhundert Euro gewinnen sollten. Man brauchte lediglich das von dem blonden Mitdreissiger als unheimlich schwer eingestufte Rätsel zu lösen, welches in Wirklichkeit aber wohl sogar von einem dressierten Schimpansen durchschaut würde. Doch irgendwie wollte der Zufallsgenerator weder einen solchen noch einen der gewöhnlich für solche Spiele begeisterungsfähigen Zuschauer durchstellen, denn das ersehnte Klingeln des Telefons, das einen Anrufer mitsamt Lösung ankündigte, ließ auf sich warten. Und als es schließlich ertönte, wusste der sich am anderen Ende der Leitung befindliche Glückspilz die Lösung nicht. Pech gehabt, nochmal von vorn, bis zum nächsten Anrufer.

Nicht, dass Jennifer diese Art von "Shows" wirklich mochte, geschweige denn auf die Idee gekommen wäre, selbst dort anzurufen. Der Anruf war zwar nicht teuer, aber sie hätte ihr Kleingeld genausogut im Klo runterspülen können – bildlich gesprochen, denn schließlich wurde die Telefonrechnung ja am Ende des Monats per Lastschrift beglichen, und Kleingeld war sicher nicht die richtige Bezeichnung für das, was Jennifer jeden Monat an ihre Telefongesellschaft leistete.

Nein, Jennifer sah solche geistfreien Sendungen aus einem anderen Grund: um abzuschalten, allerdings gerade nicht das Fernsehgerät. Nach einer Woche wie dieser war Jennifer einfach froh, wenn sie endlich etwas ausruhen konnte. Einfach auf der Couch sitzen, die Füße hochlegen und – naja, abschalten eben. Dazu noch ein oder zwei Stücke Pizza, ein großes Glas Cola… auch wenn sie beides eigentlich nicht durfte, dachte Jennifer amüsiert und langte erneut in die Schüssel mit den Kartoffelchips – die ihr zwar nicht so gut schmeckten wie die Käsechips, aber von denen waren nunmal keine mehr übrig.

Jennifer ließ weiter ihren Blick auf den Fernsehbildschrim gerichtet, hatte aber das Interesse an der Show schon wieder verloren. Stattdessen ließ sie sich die letzten Tage noch einmal durch den Kopf gehen. Am Montag war eigentlich alles ziemlich locker gelaufen, die paar Aufnahmen vom Vormittag waren zwar nicht wirklich anstrengend gewesen. Schon eher die Auftritte Montag, Dienstag und Mittwoch abend in der Disco. Die hatten gutes Geld gebracht, insbesondere weil es an allen drei Tagen deutlich länger als abgesprochen geworden war. Viel Schlaf jedenfalls hatte Jennifer nicht bekommen; auch an den Nachmittagen nicht nachholen können, weil dort ihr Training eingeplant war. Auch gestern hatte sie nicht ausschlafen können, da ein ziemlich früh angesetzter Termin bei der Agentur anstand. Jennifer war nicht so ganz glücklich damit gewesen, wie derselbe verlaufen war, auch wenn sie eigentlich damit gerechnet hatte. Immerhin ging sie jetzt schon stark auf die 30 zu, würde es genauergesagt in knapp 6 Wochen sein. Und sie hatte ja selbst schon bemerkt, dass die Aufträge über die Agentur zurück gegangen waren. Noch vor ein paar Jahren hatte sie deutlich mehr zu tun gehabt, und meistens war auch ein höheres Salär dabei herausgesprungen.

Jennifer griff erneut nach den Chips, ließ diese dann aber zurück in die Schüssel fallen und stand auf, um in die Küche zu gehen. Sie hatte zur Abwechslung Lust auf etwas Süßes, wovon sie aber naturgemäß eher wenig bei sich zu Hause hatte. So nahm sie sich schließlich einen Bananen-Yoghurt aus dem Kühlschrank, noch einen Löffel aus der Schublade und ging dann zurück ins Wohnzimmer. Dort ließ sie sich zurück auf ihr Sofa plumpsen, zog den Aluminiumdeckel vom Becher ab und begann dann, die gelbliche Masse aufzulöffeln.

Es stimmte schon, das Alter schien in dieser Branche eine ungemein wichtige Rolle zu spielen. Während des Studiums – Literaturwissenschaft, das sie aber nie wirklich beendet hatte – war das noch ganz anders gewesen. Damals war sie Anfang 20 gewesen, das "blühende Leben", dachte Jennifer mit einem Hauch von Sarkasmus. Es war unheimlich leicht gewesen, gute Aufträge zu bekommen, und es hatte sogar Zeiten gegeben, in denen sie mehr vor der Kamera posiert hatte, als im Hörsaal dem Vortrag eines ihrer Professoren zu lauschen. Das war schließlich auch der Grund gewesen, weshalb Jennifer ihr Studium nach nur zwei Jahren sozusagen aufgegeben und einen anderen Weg eingeschlagen hatte. Eine Entscheidung, die sie in den ersten Jahren nicht bereut hatte, im Gegenteil. Es war zwar nicht so, dass das Studium Unmengen von Zeit verschlungen hätte. Aber hier und da mal ein wenig – oder ein wenig mehr – zu modeln gefiel Jennifer einfach besser, es war mit nahezu keiner Anstrengung verbunden und wurde viel besser bezahlt als das lohn- und brotlose Studium. Und wenn sie ganz ehrlich war, so ganz hatte sie ohnehin nie gewuust, welchen Beruf sie dann nach ihrem Studium hätte ergreifen sollen. Anders als ihre Studienkollegen, die damals eigentlich alle einen Nebenjob hatten, um sich ihr Studium zu finanzieren, hatte Jennifer also schließlich nicht mehr neben dem Studium etwas Geld dazu verdient, sondern statt des Studiums jeden Monat einen fast unerhört hohen Betrag an Geld eingeschoben. Und das, ohne dass sie groß etwas dafür tun musste.

Zumindest war das in den ersten Jahren so gewesen. Sie hatte fast täglich neue Aufträge gehabt, erst als sie 25, 26 und schließlich 27 geworden war, war die Zahl der Aufträge zurück gegangen. Oder, genauer gesagt, hatte sich der Inhalt der Aufträge geändert. Während sie mit 20, 21 noch als "Teen" hatte durchgehen und entsprechende Aufträge annehmen hatte können, nahm man ihr das nun einfach nicht mehr ab – zu sehr hatte sich ihr Körper schon verändert, als dass sie noch als blutjunges Mädel durchgegangen wäre. Nicht dass das schlecht gewesen wäre, aber sie war nun einfach fraulicher als noch ein paar Jahre vorher, mit ausgeprägteren Rundungen und einer etwas reiferen Wirkung vor allem auf die Männer. Und, leider hatte Jennifer Mitte zwanzig auch allmählich bemerkt, dass sie langsam anfangen musste, auf ihre Ernährung zu achten. Früher hatte sie essen können, was sie wollte, in die Breite war sie nie gewachsen. Irgendwann hatte sich das geändert, und Jennifer hatte damit beginnen müssen, sich fettarm zu erähren und auch ganz allgemein etwas darauf zu achten, dass sie nicht jedes Mal so viel aß, wie sie wollte. Es hatte nun geheissen nur noch so viel zu essen, wie sie durfte. Irgendwann hatte auch das nicht mehr gereicht und trotz strikter Diät, die Jennifer ständig hielt, hatte sie bemerkt, wie ihr Körper das eine oder andere Gramm Fett ansetzte. Natürlich in keinem Fall damit zu vergleichen, wie es bei "normalen" Menschen der Fall war. Jedoch so, dass es in ihrer Branche einfach nicht tragbar war. Also hatte Jennifer begonnen, regelmäßig Sport zu treiben. Tägliches Joggen und mehrnalige Besuche im Fitnesscenter pro Woche waren heute ganz normal für sie.

Schon deswegen waren Abende wie der heutige eigentlich Gift für sie, aber manchmal brauchte Jennifer sie einfach. Was wäre das auch für ein Leben, wenn man sich nichts mehr gönnen durfte? Ab und zu musste es auch ihr erlaubt sein, ein wenig über die Stränge zu schlagen, und es war ja auch nicht so, dass sie die Folgen dabei ausser acht ließ. Jennifer überlegte kurz: zwei Stücke Pizza, Käse- und Kartoffelchips, 6 Hähnchenflügel, ein Schinken-Sandwich mit Salat und Käse. Der Bananenyoghurt. Und die zwei Gläser Cola. Es würde schon ein wenig Anstrengung morgen früh beim Joggen und danach im Aerobic-Kurs verlangen, um die überschüssigen Kalorien wieder zu verbrennen. Aber darüber wollte sie sich jetzt keine Gedanken machen, vielmehr es genießen, sich endlich mal wieder richtig satt gegessen zu haben. Mit Genugtuung schlug sie mit der flachen Hand auf ihren Bauch, der sich unter dem Oberhemd ihres Pyjamas nach dieser üppigen Mahlzeit sogar ein wenig gerundet hatte.

Jedenfalls, Donnerstag nachmittag war noch ein Arztbesuch auf dem Programm gestanden, der zwar nichts mit Jennifers Beruf zu tun hatte, sich aber in die Länge gezogen hatte. Und Freitag war sowieso der Wochentag, an dem sich sämtliche Zeitdiebe die Klinke in die Hand zu geben schienen. Das alltägliche Trainingsprogramm, zumeist irgendein Photoshooting, danach die üblichen privaten Dinge wie Einkaufen, Kleinkarm wie Rechnungen bezahlen (Jennifer hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, alles was innerhalb einer Woche anfiel, zu sammeln und jeden Freitag "Kassensturz" zu machen) und und und. Da war es kein Wunder, dass Jennifer diese Woche ziemlich geschafft war, und so saß sie nun, Freitag abend, noch nicht ganz halb zehn, vor dem Fernseher und entspannte. Schaltete ab.

Dass Jennifer es sich heute Abend so gut gehen ließ lag wohl auch an dem Gespräch, dass sie gestern mit ihrer Agentin geführt hatte. Es war ohnehin ein Wunder, dass sie damit bis heute Abend ausgehalten hatte. Jennifer wusste, dass sie eine Frustesserin war, und gestern war sie schon ziemlich gefrustet gewesen. Sie konnte ihre Agentin auch jetzt nicht wirklich verstehen, aber angeblich lag es ja an dem Kunden. Nur – warum hatte Jennifers Agentin nicht versucht, diesen von Jennifer zu überzeugen? Nein, stattdessen schickte sie einfach eine Jüngere bzw. würde sie schicken, noch war der Auftrag ja nicht ausgeführt. Das war jetzt bereits das dritte Mal vorgekommen. Und für Jennifers Geschmack war das dreimal zu viel. Es stimmte, sie war älter geworden, aber egal wozu man sie brauchte – Modeaufnahmen, Frisurmodel, ja sogar Handmodel – sie konnte all das bieten. Auf der anderen Seite hatte Jennifer schon seit längerer Zeit gemerkt, dass die Aufträge immer einseitiger und damit auch langweiliger geworden waren. So konnte sie sich zum Beispiel nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal in Bademoden hatte ablichten lassen. Was an sich verwunderlich war, wenn Jennifer an ihr eigenes kleines Projekt dachte… das lief schließlich auch relativ gut, wenngleich es ihrer Agentin ein Dorn im Auge zu sein schien. Vielleicht war das auch ein Grund, weshalb sie nun erneut ausgetauscht worden war. Aber letzten Endes modelte Jennifer ja nicht um ihrer Agentin Willen, sondern weil sie schließlich ihren Lebensunterhalt verdienen musste. Und nach ihrem Vertrag durfte sie durchaus nebenbei tätig werden, solange sie nicht in direkte Konkurrenz mit der Agentur trat. Daran hatte Jennifer sich immer gehalten.

Der Bananen-Yoghurt war jetzt auch aufgegessen und Jennifer begann allmählich, sich mehr als nur satt zu fühlen. Satt und zufrieden. Erneut tätschelte sie ihr kleines Bäuchlein, das Zeuge ihrer vorangegangenen Schlemmerei war. Jennifer zog vorsichtig ihr Oberteil etwas zu sich und betrachtete ihren Bauch. So wie sie im Moment aussah hätte sie bestimmt gar keinen Auftrag bekommen (zumindest nicht über ihre Agentur), dachte sie amüsiert und sog etwas Luft ein, streckte sodann ihr kleines Bäuchlein noch ein wenig weiter raus, nur um nur zwei Sekunden später ihre Körpermitte wieder unter ihrem Pyjama zu verstecken.

Ein wenig verlegen ob der Gedanken, die ihr gerade durch den Kopf gegangen waren, stellte sie den Yoghurtbecher auf den Tisch und griff dann wieder nach der Fernbedienung. Ein paar Minuten lang schaltete Jennifer noch wahllos durch die Kanäle, ehe sie den Fernsehapparat abschaltete. Dann stand sie auf, machte sich daran, den Tisch ab- und die Geschirrspülmaschine in der Küche ein zu räumen. Nachdem sie damit fertig war, ging sie ins Bad und putzte sich die Zähne und machte sich dann bettfertig. Mit einem Mal fühlte Jennifer sich jetzt wirklich müde, was sowohl an der vergangen Woche als auch ihrem vollen Bauch lag, und sie wollte dann auch nicht länger als nötig wach bleiben. Morgen stand wieder so einges an, zwar keine Arbeit, zumindest nicht direkt. Aber wenn sie ihr morgendliches Lauftraining machte, dann wollte sie ausgeschlafen sein. Und ausserdem – der Tag war damit ja noch nicht vorbei…

Jennifer sprang in ihr Bett, zog die Bettdecke über sich und legte sich in eine bequeme Position.

Abermals kamen ihr die Worte ihrer Agentin in den Sinn. Was sollte es schon für einen Eindruck machen? Erstens wussten die meisten Kunden ohnehin nichts davon, und zweitens war es ja nicht so, dass Jennifer breitbeinig für irgendwelche Männermagazine posierte, die dann in irgendwelchen Kneipenhinterzimmern auslagen und von "handwerklich begabten" Zeitgenossen als… Appetitanreger verwendet wurden. Nur weil es erotische Aufnahmen waren hieß das nicht, dass sie auch billig waren. Ganz im Gegenteil, vieles davon war weit besser als das, was Jennifer sonst zu tun hatte – rein qualitativ gesprochen. Ausserdem war sie ihre eigene Chefin, hatte also weit mehr Mitspracherecht, ob sie etwas tun oder lassen wollte. Und ausserdem konnte sie so auch mal Dinge probieren oder machen, die ihr selbst Spaß machten… und das konnte man ihr ja wohl wirklich nicht zum Vorwurf machen. Ihre Agentin sollte lieber froh sein, das Jennifer ihr nicht schon lange gekündigt hatte. Wenn sie nur noch ein bisschen mehr Zeit in ihr eigenes Projekt investieren würde, dann würde sie vermutlich sowieso besser dastehen – finanziell gesehen. Vielleicht sollte sie das wirklich tun. Dann könnte ihre Agentin einmal sehen, was sie davon hätte. Könnte mal sehen, was Jennifer auch ohne sie tun konnte.

Und dann schlief Jennifer mit einer gewissen Genugtuung bei dem Gedanken an das, was sie bereits jetzt schon ohne ihre Agentin getan hatte, ein.

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