kinjiro – Der reichste Mann der Welt

Hätte ich mein Gesicht in diesem Moment im Spiegel sehen können, dann wäre ich wahrscheinlich in schallendes Gelächter ausgebrochen: ich muss schon ziemlich blöd dreingeschaut haben. Aber wer hätte das nicht? So etwas kam ja wohl wirklich nicht jeden Tag vor – ich glaube sogar, so etwas kommt so gut wie nie vor, ansonsten hätte man bestimmt schon einmal davon gehört. Und zwar nicht nur in irgendwelchen Märchen…

Dabei hatte der Tag eigentlich ziemlich uninteressant begonnen: nämlich mit einer mehrstündigen Autofahrt, ehe ich endlich das Haus meines Onkels erreicht hatte. Meines Onkels. Das klang immer noch etwas seltsam, denn bis vor knapp einer Woche hatte ich nicht einmal gewusst, dass es diesen meinen Onkel überhaupt gegeben hatte. Aber er hatte offenbar gewusst, dass es mich gab, und besser noch: mich sogar in seinem Testament bedacht. Wenn Sie sich nun fragen, warum ich das so freimütig erzähle: nun, ich war ziemlich schnell über den Tod dieses mir bis dato völlig unbekannten Menschen hinweg gewesen. Offenbar hatte es sich bei meinem Onkel um das schwarze Schaf in der Familie gehandelt, denn wie gesagt: bis zu seinem Tod hatte ich rein gar nichts von ihm gewusst, ganz im Gegenteil. Besagter Onkel war… nun, wie soll ich sagen… offenbar durch das eine oder andere dubiose Geschäft in der Lage gewesen, sich aus unserer bürgerlichen Schicht zu lösen und ein Leben zu führen, von dem normale Menschen wie Sie und ich wohl nur träumen konnten. Ich jedoch durfte nicht einmal davon träumen, entschied zumindest mein Vater, dessen Bruder der bereits erwähnte Onkel war. Freilich könnte ich nun allerlei Theorien aufstellen, warum man mir diesen Onkel letztlich vorenthalten hat, doch da ich auf diese Frage von meinen Eltern keine Antwort bekommen hatte, will ich hier nun nicht ins Blaue hinein raten. Das Einzige, was ich sicher sagen kann, ist folgendes: offenbar wusste niemand aus der Familie so recht, wie mein Onkel zu einem solchen Reichtum gekommen war. Und somit blieb schließlich nur der Schluss, dass er ihn nicht ganz ehrlich angehäuft hatte.

Fakt war weiter: letzte Woche erhielt ich einen Anruf, vom Notar, einem Anwalt, was weiß ich. Irgendjemand wichtiges eben, der – wie er mir mitteilte – den Nachlaß meine Onkels verwaltete und irgendwas vollstreckte und bla bla bla. Alles Informationen, die nicht wirklich von Belang waren. Ich war schon dabei, den Hörer wieder aufzulegen, als die Sache interessant wurde: ich war als Alleinerbe eingesetzt worden, ich ganz allein! Von jemandem, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, nicht kannte, nichts wusste. Und dieser großzügige Mensch hatte mir alles hinterlassen, was er besaß.

Kurzum: mein Onkel muss ein freundlicher Mensch gewesen sein. Unehrlich vielleicht, aber in jedem Falle freundlich.

Und so hatte ich mich – nachdem ein paar Kleinigkeiten geklärt waren – auf den Weg hierher gemacht. Hätte ich gewusst, wie mein Erbe tatsächlich beschaffen war, so wäre ich sicher früher angereist – und hätte nicht erst noch die Woche über meine Arbeit getan. Urlaub hatte ich keinen nehmen wollen, ich wusste ja nicht, ob man sich hier einen Scherz mit mir erlaubte. Und nachdem ich mit meinen Eltern gesprochen hatte, hatte ich zwar kurz überlegt, mich krank zu melden. Aber da ich von meinen Eltern wenig Auskünfte bekam, ich andererseits auch nicht mein Konto an Krankheitstagen noch weiter befüllen wollte, entschied ich mich, erst am kommenden Wochenende herzukommen. Mein Erbe würde mir ja wohl kaum davon laufen, und wen interessierte es schon, ob ich ein paar Tage früher oder später kam? Mein Onkel würde mir sicher keinen Vorwurf mehr machen. Natürlich, hätte ich gewusst, dass das, was er mir hinterlassen hatte so viel war, dass ich nie mehr würde arbeiten müssen, dann hätte gestern nachmittag mein Büro anders verlassen – nämlich erst, nachdem ich mich bei meinem Chef gebührend verabschiedet hätte. Ach was rede ich, wahrscheinlich wäre ich am Freitag sowieso schon gar nicht mehr da gewesen.

Aber was langweile ich Sie mit diesem Zeug? Ich möchte ja eigentlich auf etwas ganz anderes hinaus.

Ich war natürlich ziemlich überrascht gewesen, nachdem mir der wichtige Anrufer von letzter Woche, den ich heute auch persönlich kennen lernte, erst das Testament zeigte, es mir erklärte, mich ein paar Papiere unterschreiben ließ und dann zu meinem neuen Zuhause brachte.

Mein neues Zuhause. Eine Villa, die ihresgleichen suchte. Natürlich habe ich mir erst einmal alles angesehen, das heisst, alles, was ich am Nachmittag geschafft habe. Es waren wirklich viele Zimmer gewesen, durch die ich marschiert war, in denen ich das eine oder andere genauer angesehen hatte und mich freute, dass das alles jetzt mir gehörte. Nie im Leben hätte ich mir das alles erarbeiten können, aber Gott sei Dank brauchte ich das ja nun auch nicht mehr.

Mein Onkel besaß wirklich allerlei Zeug. Es war fast so, als hätte er jedes der Zimmer seiner Villa nach einem bestimmten Motto eingerichtet, und es schien mir so, als habe hierfür seine vielen Reisen zum Vorbild genommen. Ich wusste natürlich nicht, ob er wirklich viel gereist war. Aber ich nahm es an, denn was sollte man schon machen, wenn man mehr Geld als Gott hatte und nicht zu arbeiten brauchte? Jedenfalls war der erste Raum, den ich heute betreten hatte, sehr… amerikanisch eingerichtet gewesen, weswegen ich diesen ersten Raum – allerdings erst etwas später, nachdem ich glaubte, ein gewisses System in der Einrichtung der Räume zu erkennen – das Amerikazimmer getauft hatte. Es hatte hier ausgesehen wie in einem amerikanischen Diner aller Zeitepochen, denn mein Onkel hatte zwar ziemlich offensichtlich darauf geachtet, dass alle Gegenstände aus einem bestimmten Land kamen, jedoch sich um deren Entstehungs- oder Verwendungszeit wenig Gedanken gemacht. Ich konnte also sowohl eine alte Jukebox wie auch einen hochmodernen Kühlschrank mit Eismaschine entdecken, ebenso einen alten Cadillac. Einen Cadillac! In einem Zimmer! Nun ja.

So verbrachte ich meinen Nachmittag mit einer Art Weltreise. Nach dem Amerikazimmer kamen das Kanadazimmer, das Australienzimmer, das Russlandzimmer (welches ich mir ehrlich gesagt ziemlich ärmlich eingerichtet vorgestellt hätte, ehe ich darin gewesen war). Doch mein Onkel hatte auch nicht davor Halt gemacht, die Zimmereinrichtung an Kontinenten auszurichten. Das Afrikazimmer beispielweise war mit jeder Menge Pflanzen vollgestellt, ebenso das Südamerikazimmer – überall gab es Pflanzen. Oder Steine. Oder Sand. Vermutlich Wüstensand. Später fand ich dann auch ein Asienzimmer, das mir von allen Räumen am besten gefiel. Es war sehr strukturiert eingerichtet und längst nicht so überfüllt wie die anderen Räume. Vielleicht hatte mein Onkel keine Zeit gehabt, alles ranzuschaffen, was er hier lagern wollte. Die europäischen Zimmer waren wieder ungleich vollgestellter mit Möbeln und Krimskrams. Im Italienzimmer hatte ich den Eindruck, eine Bombe sei explodiert, anders konnte ich mir das Chaos nicht erklären. Vielleicht wollte mein Onkel aber auch einfach nur seinen Eindruck vom Straßenverkehr in der italienischen Hauptstadt verwirklichen. Wer weiß. Ich wunderte mich übrigens, dass im Frankreichzimmer nur ein kleiner Nachbau des Eiffelturms stand und nicht gar ein echtes Stück davon. Ich glaube, das Einzige was ich nicht entdeckte, war ein Zimmer das nach dem Vorbild der Mondlandung eingerichtet worden war.

Aber ich schweife schon wieder ab, das Zimmer, das mich am meisten faszinierte, und in dem ich immer noch stand – wie Sie sich vielleicht erinnern, mit einem mehr als dämlichen Gesichtsausdruck, war das arabische Zimmer. Ehrlich gesagt war ich mir nicht ganz sicher, überhaupt noch in dem Haus zu sein, geschweige denn, in irgendeinem Haus. Mir kam es eher vor, als befände ich mich in einer Höhle. Einer Schatzhöhle, so wie die, wie man sie aus dem Märchen von Ali Baba und den 40 Räubern kennt. Überhaupt hatte ich längst den Eindruck, dass dieses Haus kein ganz gewöhnliches Haus war, denn: es war zwar groß, aber gemessen an dem, was ich hier alles gesehen hatte, schien es von aussen viel zu klein zu sein, um all die Zimmer unterbringen zu können…

Mit diesem Gedanken lag ich vielleicht gar nicht so falsch. Es war womöglich Absicht, dass dieser Raum sich ganz am Ende des langen Flures befunden hatte. Besucher würden hier wohl nur selten sein, sofern mein Onkel jemals Gäste gehabt hatte. Ich wünschte es ihm, denn allein hatte er sich in diesem Haus bestimmt oft verlaufen…

Nun jedenfalls hatte ich in diesem Zimmer, welches mir solch eine Faszination bescherte, deutlich mehr Zeit verbracht als in den anderen Räumen. Warum weiß ich nicht, aber irgendetwas hier war besonders gewesen. Erst hatte ich gedacht, es wäre das viele Gold und Glitzerzeug gewesen, dass überall um mich herum schimmerte. Mal kam es von irgendwelchem, bestimmt sündhaft teurem Geschirr, mal von einem Spiegel. Und manches davon schien tatsächlich echtes Gold zu sein, das heisst, Goldmünzen, wie man sie bei einem Schatz erwarten würde.

Aber das war nicht, was mich in seinen Bann gezogen hatte. Ich interessierte mich vielmehr für die kleine, offenbar ziemlich alte, aber dennoch erstaunlich gut polierte Öllampe, die – ein klein wenig versteckt auf einem samtenen Kissen lag, welches seinerseits auf einem vielleicht einen Meter hohen Podest ruhte.

Und da sage ich noch zu mir, wie lustig wäre es, wenn das Aladdins Wunderlampe wäre…

Ich weiß auch nicht was es ist, das uns Menschen manchmal ganz automatisch irgendwelche Dinge tun lässt. Ich jedenfalls griff nach der Lampe, rieb ein paar Mal vorsichtig mit meinem Hemdärmel darüber, und stellte sie dann mit gespielter Enttäuschung zurück, da sich kein Flaschengeist vor mir zeigen wollte.

Was aber nur daran lag, dass der Flaschengeist hinter mir stand.

Wie gesagt: für gewöhnlich trage ich kein so dümmliches Gesicht zur Schau. Ich war zwar nicht der Schönste, sah aber doch ganz passabel aus – doch diese Mischung aus Unglauben, Überraschung und wohl auch ein bisschen Erschrecken, die sich nun in meinem Gesicht breit machte, trug offenbar ungemein zur Erheiterung dieses Wesens vor mir bei, denn es stand da und lächelte mich freundlich, aber ein wenig frech an.

Einem überaus hübschen Wesen, wenn ich das einmal bemerken darf. Nachdem ich mich wieder halbwegs gefangen hatte – ich kann Ihnen nicht sagen, ob es zwei Sekunden oder zwei Stunden dauerte – fiel mir auf, dass es vielmehr eine Flaschengeistin denn ein Flaschengeist war. Sie war einen guten Kopf kleiner als ich, ziemlich schlank, aber doch mit sehr ausgeprägten weiblichen Rundungen, hatte langes schwarzes Haar und eine ungewöhnlich helle Haut. Ihre Augen waren grün wie Smarragde, ihr Näschen klein und spitz und ihre Lippen dünn. Stellen Sie sich einfach die schönste Frau der Welt vor. Machen Sie sie doppelt so schön, ach was sage ich, dreimal so schön, und Sie wissen, wie das Wesen vor mir aussah. Ach, und falls ich es noch nicht erwähnt habe: sie war beinahe nackt, trug lediglich eine Art Seidenrock um die Hüften sowie ein Tuch aus dem selben Material, das sie um ihren Oberkörper gelegt hatte.

"Hallo…" stammelte ich vorsichtig hervor.

"Hallo." entgegnete sie mit einer sanften Stimme und beäugte mich interessiert, immer noch lächelnd.

"Ich… ich ähh…" sagte ich, weil ich leider nicht wusste, was man in einer solchen Situation wohl intelligentes sagen könnte.

"Ja?" fragte das Wesen freundlich zurück.

"Ich… äh…" wiederholte ich noch einmal, ehe mich entschied, mich ersteinmal vorzustellen. Auch wenn dieses Wesen ein Flaschengeist war, so konnte man ja höflich bleiben. "Ich heisse Niclas."

Die Flaschengeistin sah mich nur an und lächelte weiter.

"Hast du auch einen Namen?" fragte ich schließlich.

"Ja." antwortete sie, und als sie merkte, dass mir das nicht genügen würde, nannte sie ihn mir auch. "Ich heisse Samira."

Dann standen wir wieder da und schauten uns nur an. Ein paar Minuten lang.

"Und was tust du hier?" fragte ich. "Also ich meine, wer bist du überhaupt? Und wo kommst du so plötzlich her?"

"Ich bin eine Dschinniya." erklärte sie. "Ich erfülle Wünsche."

Also gut dachte ich mir, war ich also wirklich verrückt geworden. Mein erster Gedanke von vorhin, nämlich dass sie ein Flaschengeist war, war sogleich der gewesen, der mich auf diese Straße geführt hatte. Einmal erbt man, und schon dreht man durch. Das war’s dann also, ich hatte jetzt alles, konnte mich aber einweisen lassen. Wunderbar. Ich seufzte.

"Ist etwas?" fragte sie mich und legte ihre Stirn in Falten.

"Nein, nicht wirklich…." seufzte ich erneut. "Ich finde das nur ziemlich unglaublich…"

"Was?" fragte sie, und ging mir allmählich mit ihrer so knappen Teilnahme an unserer Unterhaltung auf die Nerven… was aber egal war, da ich die wohl sowieso bald behandeln lassen müsste.

"Na – das hier. Das alles hier. Dich." sagte ich und deutete demonstrativ um mich herum auf beliebige Gegenstände im Zimmer und schließlich auf sie.

"Ich verstehe." antwortete sie. "Vielleicht möchtest du das hier lesen."

Damit überreichte sie mir ein kleines braunes Buch, das ziemlich abgenutzt aussah.

"Was ist das?" fragte ich.

"Das Tagebuch deines Onkels." sagte sie und ergänzte dann: "Auf der dritten Seite."

Ich schlug also die dritte Seite auf und erkannte, dass es tatsächlich das Tagebuch meines Onkels zu sein schien. Seine Handschrift war alles andere als sauber, aber ich konnte lesen, was er hier berichtete. Was ihm vor etwas mehr als 30 Jahren, also noch vor meiner Geburt, passiert war.

"08. August, 1977

Was ich hier niederschreibe klingt verrückt, doch ich bin es nicht. Es klingt wie ein Märchen, doch das ist es nicht. Es ist die Wahrheit, und sie ist süß. Heute habe ich Samira gefunden. Ich sage gefunden, nicht kennengelernt, da es passender ist. Ich war tief in die Höhlen hinabgestiegen, viel tiefer, als es uns erlaubt war. Vielleicht suchen sie immer noch nach mir, doch mit diesem Fund – wie hätte ich da einfach zurück gehen sollen?

Die Lampe. Sie hatte einfach nur dagelegen. Und ich habe sie einfach nur genommen. Wollte den Staub von ihr wischen. Und plötzlich war ich nicht mehr allein. Plötzlich war Samira da. Einfach so.

Samira ist eine Dschinniya. Das hat sie gesagt. Ich habe es nicht geglaubt, aber es stimmt.

Heute morgen noch war ich in Persien. Und jetzt bin ich am anderen Ende der Welt. Es stimmt."

Es folgte eine Passage, die mehr oder weniger unleserlich war, der ich jedoch entnehmen konnte, dass mein Onkel ebenfalls verrückt geworden war, nachdem er Samira "gefunden" hatte. Entweder das, oder man erlaubte sich hier einen ausserordentlich kostspieligen Scherz auf meine Kosten.

Ich klappte das Buch zu, wollte nicht in den Erinnerungen eines mir völlig unbekannten Verstorbenen lesen. Wenn es kein Scherz war, dann konnte ich das später immer noch tun.

"Also…" sagte ich und richtete meinen Blick auf Samira, "du bist also eine Dschinniya."

"Ja."

"Und du erfüllst Wünsche."

"Ja."

"Beweis es." forderte ich sie auf. Sie sah mich nur ausdruckslos an.

"Wie?" fragte sie schließlich.

"Erfüll’ mir einen Wunsch."

"Gern." nickte sie.

Ich überlegte. Wenn das wirklich ein Witz war, meine Eltern also eingeweiht waren, mein Onkel gar nicht tot, mein Onkel wahrscheinlich nicht einmal mein Onkel war, all das hier, das Haus, die vielen Zimmer, der Notar oder Anwalt oder was weiß ich – wenn das alles ein gut ausgedachter Scherz war, dann rechneten sie bestimmt damit, dass ich mir irgendetwas einfallen ließ, dass sich nicht erfüllen lassen würde. Dann würden sie alle hinter der Couch oder den Vorhängen hervorspringen, lachen und "Reingefallen!" rufen. Nun gut, wollte ich ihnen diesen Gefallen mal tun…

"Ich wünsche mir einen blauen Elefanten mit 6 Beinen und zwei Rüsseln."

Samira sah mich immer noch ausdruckslos an, und ich erwartete, dass der Scherz gleich sein Ende finden würde.

Stattdessen sagte sie: "Dein Wunsch sei dir erfüllt."

Und dann stand da, ohne Puff oder Rauch oder Leute die hinter Couchen und Vorhängen hervorsprangen und sich über mich lustig machten, ein blauer Elefant mit 6 Beinen und zwei Rüsseln. Vor mir. Im Zimmer. Und kackte auf meinen Teppich.

Ich entschloss mich, ohnmächtig zu werden.

* * *

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich immer noch in der Schatzhöhle von Ali Baba. Samira saß vor mir auf dem Boden und blickte mich an, der Elefant war verschwunden.

"Nur ein Traum…" stöhnte ich und richtete mich vorsichtig auf. Erst dann registrierte ich, dass Samira ja tatsächlich vor mir saß.

"Du bist ja noch hier?"

"Ja."

"Und wo ist…" begann ich, aber diesmal unterbach Samira mich.

"Der Elefant? Ich habe ihn wieder fortgeschafft. Du hast so ausgesehen, als ob dir das Recht gewesen wäre." erklärte sie. "War es das? Oder soll ich ihn wieder holen?"

"Nein, nein, nur das nicht…" entgegnete ich schnell. "Dann stimmt es also? Du bist eine Dschinniya?"

"Ja, das habe ich dir schon gesagt. Und du hast es auch gelesen." meinte sie und deutete auf das Tagebuch meines Onkels, das neben mir auf dem Boden lag. "Und bewisesn habe ich es auch." fügte sie hinzu und machte einen Schmollmund.

Ich brauchte einen Moment, das zu schlucken. Es stimmte also. Alles. Nur nebenbei registrierte ich zu meiner Erleichterung, dass ich noch nicht verrückt geworden war.

Und dann freute ich mich. Denn wenn es stimmte, dann hieß das auch, dass ich mir alles wünschen konnte, was ich wollte – so wie es mein Onkel offensichtlich auch getan hatte. Hmm. Nur was sollte ich mir dann eigentlich noch wünschen? Ich hatte ja nun eigentlich schon alles. Und dann fiel mir noch etwas ein…

"Und ich habe dann jetzt noch zwei Wünsche, richtig?" fragte ich und hoffte insgeheim, dass Samira das Fortschaffen des Elefanten nicht anrechnete.

"Warum?" fragte Samira zurück.

"Na weil ich mir doch mit dem ersten Wunsch den Elefanten gewünscht habe…"

Samira sah mich so an, als ob sie nicht verstand, worauf ich hinaus wollte. Also erklärte ich es ihr.

"Ich habe ja wohl drei Wünsche, oder?"

"Nein." antwortete sie.

"Nein?" fragte ich zurück. Also doch nur noch einen… verdammt.

"Nein." sagte sie noch einmal. "Du hast nicht drei Wünsche. Du kannst dir wünschen, was du willst. So viel du willst. Warum sollten es nur drei Wünsche sein?"

"Na, weil man das doch so sagt…" erklärte ich etwas verlegen und mir nur ganz allmählich dessen bewusst werdend, was Samira mir da gerade gesagt hatte.

"Ich sage, es sind nicht drei Wünsche. Ich sage, du kannst dir wünschen was und soviel du möchtest."

"Gut." akkzeptierte ich ihr Angebot. Es war mehr als großzügig.

"Aber: es gibt ein paar Dinge, die du dir nicht wünschen kannst."

Aha. Es gab also doch einen Haken. "Und die wären?"

"Naja," begann sie, "dein Onkel zB ist ja nun tot.

"Soll das eine Drohung sein?" erkundigte ich mich erschrocken.

"Nein." beschwichtigte sie mich sofort. "Ich wollte damit sagen, dass du dir zB nicht wünschen kannst, ewig zu leben. Oder nicht zu sterben. Es gibt ein paar Dinge, die ich dir nicht erfüllen kann. Weil ich es nicht darf."

"Du darfst es nicht?" fragte ich.

"Nein." sagte Samira, erklärte aber auch nicht weiter.

"Und woher weiß ich, was ich mir nicht wünschen darf?"

"Das kann man so nicht sagen." begann Samira. "Lass es mich erklären. Wenn du dir etwas wünscht, dann weiß ich, was passieren wird. Und wenn das, was passieren wird, nicht passieren darf, dann darf ich dir den Wunsch nicht erfüllen. Hast du das verstanden?"

Eigentlich nicht. Laut sagte ich: "Aha."

"Und du darst dir auch nichts wünschen, das anderen Menschen schadet."

Noch einmal ahate ich.

"Möchtest du ein bisschen üben? Zu wünschen?" fragte Samira.

Ich nickte. Und dann übte ich. Ich wünschte mir, was man sich nur wünschen konnte. Und übte. Und wünschte. Und so weiter…

* * *

Ich lebte nun seit knapp einem Monat hier. Ich hatte mich schnell an das Leben mit all den Wünschen gewöhnt, und auch an Samira hatte ich mich gewöhnt. Sie erfüllte mir wirklich jeden Wunsch. Egal was es war, egal wann ich es wollte. Und ob Sie es glauben oder nicht, wenn man sich alles wünschen darf, dann wird man ziemlich schnell eines: bescheiden. Das mag nun einigermaßen seltsam klingen, doch wenn man – anders als mein Onkel, der sich vor allem materielle Dinge gewünscht hatte – aufgrund der Wünsche des Vorbesitzers der Lampe quasi schon alles hatte, dann gab es nicht viel, was man sich noch wünschen konnte. Natürlich wünschte ich mir am Anfang einfach so zum Spaß einen Ferrari, dann noch einen und noch einen dritten. Nur um sie dann wieder weg zu wünschen. Ich konnte Samira ja jederzeit um einen Neuen bitten. Aber auf die Dauer wurde das langweilig. Und so begann ich relativ schnell, also schon nach wenigen Tagen, kleinere Wünsche zu formulieren.

So wünschte ich mir zum Beispiel Frühstück im Bett. Oder einfach mal der erste zu sein, der die Zeitung bekam. Oder ich wünschte mir auch einmal ein bestimmtes Ergebnis bei einem Fußballspiel. Darüber stand dann übrigens auch was in der Zeitung – also das Spiel und sein Ergebnis, nicht, wie es zustande gekommen war. Das war so ziemlich jedem ausser mir ein Rätsel.

Jedenfalls wünschte ich mir keine unglaublichen Dinge. Nicht, dass ich den Spaß am Wünschen so schnell verloren hätte. Es war nur einfach so, dass ich alles hatte. Und so waren Samira und ich nicht wie Dschinniya und Meister – sie bestand darauf, mich so nennen zu dürfen – sondern eher wie ein paar ungleiche Mitbewohner in einer einigermaßen überdimensionierten Wohngemeinschaft.

Das heißt also, ich hatte alles bis auf eine Sache. Und diese Sache würde ich mir wünschen – sobald die Zeit reif dafür war.

Davon abgesehen mochte ich Samira aber ziemlich gern leiden. Am Anfang war es mir komisch vorgekommen, hier mit einem Geistwesen oder was immer sie genau war – denn was genau war eigentlich eine Dschinniya? – zu leben. Aber ich gewöhnte mich schnell daran, denn zum einen ließ sie mich allein, wenn ich es wünschte. Und zum anderen war es nicht ganz schlecht, wenn ich mich einfach nur mit ihr unterhielt. Ich erfuhr ziemlich viel darüber, wie mein Onkel und sie zusammen gelebt hatte. Der Verdacht war mir schon relativ bald gekommen, aber Samira bestätigte mir schließlich, dass mein Onkel alles andere als ein schlechter Mensch gewesen war. Ganz im Gegenteil, er hatte immer versucht, mit seinen Wünschen Gutes zu tun. Natürlich hatte er auch für sich etwas abgezweigt, das konnte ich ja jeden Tag unschwer erkennen. Aber er hatte sehr viel gespendet, zumeist anonym, aber er hatte es getan. Nur wusste das eben in der Familie niemand, ebenso wenig, wie er tatsächlich zu seinem Reichtum gekommen war. Was hätte er ihnen auch sagen sollen? Einfach Samira vorzeigen war ja wohl kaum möglich, wer wusste schon, wie solche Dinge ausgingen. Möglicherweise hätte man ihn für unzurechnungsfähig erklärt, oder nachdem sie ihre Fähigkeiten unter Beweis gestellt hätte wäre es gar zu schlimmen Streitigkeiten gekommen. Als ich mich mit Samira darüber unterhielt, gab sie sich sehr wortkarg – doch auch das Wenige was sie sagte reichte mir um zu erkennen, dass wegen ihr schon Kriege ausgefochten worden waren. Bis die Lampe irgendwann verloren ging.

Mein Onkel war es dann gewesen, der sie wieder gefunden hatte. Und wie gesagt, natürlich hatte er sich selbst so einiges Gutes damit getan, denn auch wenn man es nicht für möglich halten würde: mein Onkel war vermutlich der reichste Mann der Welt. Beziehungsweise, war der reichste Mann der Welt gewesen, bis er aus dem Leben schied. Nun war ich als sein auserkorener Erbe in dieser Position. Beklagen konnte ich mich also nicht, wenn ich auch nicht ganz verstand, wie man der reichste Mann der Welt sein konnte, ohne dass jemand anderes davon Wind bekam. Aber vielleicht war das auch Ansichtssache, denn mein Onkel besaß natürlich jede Menge Zeug, auch unbewgliches, sogenanntes Immobilienvermögen, und hatte natürlich nicht nur ein prall gefülltes Konto gehabt. Und nachdem er nicht so in die Öffentlichkeit getreten war wie meinetwegen ein recht bekannter Brillenträger, der in seiner Garage zwar keine Wunderlampe entdeckte, dafür eine Möglichkeit, auch unerfahrenen Nutzern mittels einer graphischen Oberfläche den Zugang zu Computern zu ermöglichen, nahm mal wohl naturgemäß weniger Notiz von jemandem wie ihm. Andererseits wusste ja auch niemand, woher er denn nun an sein vielles Geld und seine Reichtümer gekommen war. Somit blieb nur die Möglichkeit, dass mein Onkel all seinen Besitz unrechtmäßig erworben hatte, und wer soviel Besitz anhäufen hatte können, der musste einfach ein ganz schlimmer Finger sein.

Jetzt war ich in der Lage meines Onkels und brauchte nur mit dem Finger zu schnipsen, um mir von Samira meine Wünsche erfüllen zu lassen. Doch wie gesagt, davon hatte ich wirklich nicht besonders viele. Ich weiß nicht, ob das auch ein Grund dafür war, aber Samira erfüllte mir wirklich jeden Wunsch. Sie ließ mich auch nie wissen, was sie von meinen Wünschen hielt. Manchmal fragte ich sie zwar, ob ich mir etwas bestimmtes wünschen sollte oder besser nicht, doch eine große Hilfe war sie insofern nicht. Sie teilte mir nie mit, welche Folgen ein Wunsch haben würde. Aber eigentlich war es mir ganz Recht, dass von ihr nie ein Widerspruch kam.

Das blieb so, bis ich mich entschloss, den einen, vorhin schon kurz erwähnten Gedanken in einen Wunsch zu formulieren. Als ich Samira damit beauftragen wollte, kam das erste Mal so eine Art Widerspruch von ihr.

"Hast du dir das gut überlegt?" fragte sie mich, noch ehe ich ihr überhaupt gesagt hatte, was ich wollte. Längst wusste ich, dass Samiras Fähigkeiten weit über das bloße Erfüllen von Wünschen hinausgingen. Offenbar hatte sie auch keine Probleme damit, meine Gedanken zu lesen. Aber war das so verwunderlich? Immerhin, das hatte sie mir ja selbst gesagt, prüfte sie vor dem Erfüllen eines jeden Wunsches, wie er sich auswirken würde. Warum also sollte jemand wie sie, die gewissermaßen in die Zukunft sehen konnte, nicht auch meine Gedanken lesen können?

"Ehrlich gesagt…" antwortete ich, "so ganz genau habe ich es mir noch nicht überlegt. Es gibt noch ein paar Dinge, über die ich mir unschlüssig bin."

"Und die wären?" fragte sie mich.

"Zum Beispiel, wen ich mir hier her wünschen soll." sagte ich.

So war es tatsächlich. Ich konnte mir durchaus jede Frau herwünschen, die ich mir vorstellen konnte. Zumindest nahm ich das an. Auf der anderen Seite: wenn Sie in meiner Lage wären, wen würden Sie wählen? Natürlich konnte ich mir irgendeine berühmte Hollywood-Schauspielerin, ein Model oder sonst jemanden, den man überall auf der Welt kannte und bewunderte, erscheinen lassen. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass das nicht ganz leicht sein würde, selbst wenn es mit Samiras Zauberei gemacht würde. Es musste einfach auffallen, wenn solche Frauen von einer Sekunde zur anderen verschwunden waren, hier bei mir auftauchten, ein paar Stunden mit mir verbrachten und dann wieder fortgewünscht wurden. Denn was ich nicht tun konnte – bzw. mir nicht von Samira wünschen durfte – war zum Beispiel, dass für die Dauer dieses kurzen Beisammenseins mit meiner Erwählten die Zeit stehen blieb und niemand sonst davon Notiz nahm.

Also konnte ich mir eigentlich nur wünschen, dass jemand, den ich persönlich kannte, hier auftauchte und meine Gästin sein würde. Nur gab es da ein Problem: jemand, den ich kannte, kannte umgekehrt natürlich auch mich. Und dann das mit ihr zu machen, was ich mir vorstellte, kam nicht in Frage – sicher würde ich danach in Probleme geraten.

"Eine schwierige Entscheidung?" fragte mich Samira, die vermutlich in meinen Gedanken las wie in einem offenen Buch.

"In der Tat…" nickte ich. Dann hatte ich eine Idee. "Was wäre, wenn wir einen Ausflug machen?"

Samira überlegte einen kurzen Augenblick, dann sagte sie: "Und wohin soll es gehen?"

* * *

Da saßen wir nun also, an einem Tisch etwas abseits des Trubels, aber doch so, dass wir nahezu das ganze Restaurant überblicken konnten. Ich war schon früher hier gewesen, meistens allein, aber es gefiel mir hier sehr gut. Die Küche reichte von gut bürgerlichen Mahlzeiten bis hin zu ausgefallenen, exotischen Speisen, so dass für jeden Geschmack etwas dabei war. Dementsprechend war es hier auch meistens recht gut besucht, so auch heute, wenngleich nur etwas mehr als die Hälfte aller Tische bewirtet werden musste.

Ich hatte mich entsprechend dem Klientel, das hier verkehrte, nicht übermäßig herausgeputzt. Eine Jeans und ein schickes Hemd waren ausreichend, um hier weder positiv noch negativ aufzufallen. Samira hingegen, die mir gegenüber saß, trug deutlich andere Kleidung als üblich. Ich hatte sie gebeten, einen Rock und eine Bluse zu tragen, irgendetwas Normales eben, wie es Frauen in ihrem Alter – nein, so konnte man das eigentlich nicht sagen, denn Samira war ja schon 3719 Jahre alt, die man ihr zwar nicht ansah, aber doch ziemlich unglaublich waren; also besser: Frauen um die zwanzig – für gewöhnlich trugen. Natürlich war Samira immer noch bildhübsch und deutlich schöner anzusehen als irgendeine der anderen Damen, die sich heute Abend hier eingefunden hatten.

Ich hatte uns lediglich eine Flasche Rotwein bestellt. Um unseren Kellner nicht zu sehr zu enttäuschen, hatte ich aber einen sehr teuren Wein gewählt, denn wenn wir schon nichts aßen, dann wollte ich doch wenigstens auf eine andere Weise etwas zum Einkommen unseres Gastgebers beitragen – der uns heute Abend weit mehr bieten würde als nur kulinarische Unterhaltung, auch wenn weder er selbst noch irgend jemand der übrigen anwesenden Gäste es ahnten.

So blickte ich also umher und suchte nach einem geigneten Ziel. Während ich dies tat, nippten Samira und ich gelegentlich an unseren Weingläsern. In einiger Entfernung fiel mir ein Paar auf, das sich gerade erst eingefunden hatte. Er war ungefähr in meinem Alter, aber ein wenig kleiner. Aber er war sowieso nicht von Interesse. Seine Begleiterin hingegen gefiel mir Recht gut. Sie war in etwa so groß wie Samira, hatte allerdings blondes Haar, das lediglich bis zu ihren Schultern reichte. Sie war relativ schlank und trug einen knappen Rock sowie ein modisches Oberteil. Ich wollte sie in die nähere Auswahl nehmen, aber doch erst noch weiter sehen. Zwei Tische weiter zeigte sich ein ähnliches Bild, nur das die Frau hier brünettes statt blondes Haar hatte. Ansonsten war die Ausbeute eher enttäuschend: irgendwie hatten sich heute vor allem ältere Semester hier eingefunden, die Damen waren also für mein Vorhaben allesamt eher ungeeignet – weil für mich schlichtweg nicht attraktiv.

Ich wollte mich daher gerade für die Blondine entscheiden, als zwei junge Frauen – keine von ihnen sah älter als 25 aus – das Lokal betraten. Arbeitskolleginnen, vermutete ich, denn sie trugen gleichfarbige und gleich geschnittene Kostüme. Beide waren in etwa gleich groß, schlank und ziemlich hübsch. Lediglich ihr Haar war von verschiedener Farbe, die eine der beiden trug es brünett, die andere hatte es rot gefärbt. Und sie steuerten zielstrebig auf den Tisch zu, der sich dem unsrigen genau gegenüber befand. Nachdem sie sich dort niedergelassen hatten, stand mein Entschluss fest.

Ich sprach meinen Wunsch aus, und wie üblich bestätigte mir Samira dessen Erfüllung. Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, aber in Erinnerung an ihre Erklärungen dazu, was ich mir wünschen durfte und was nicht, hatte ich meinen Wunsch moderat formuliert. Ich sollte dennoch auf meine Kosten kommen.

Da die beiden Damen nicht besonders weit von uns entfernt saßen, kannte ich schon bald ihre Namen. Die Brünette hieß Eva, der Rotschopf Ines. Die beiden waren wirklich überaus gesprächig – um nicht geschwätzig zu sagen – und so bekam ich darüber hinaus noch ganz viele andere Dinge mit, die ich eigentlich gar nicht zu wissen brauchte und die mich nicht interessierten. Wirklich interessant wurde es erst, nachdem der Kellner ihnen die Karte gebracht hatte.

"Ich habe wirklich einen Bärenhunger…" gestand Eva, als sie die Karte aufschlug.

"Ja, ich auch." pflichtete Ines ihr bei. "Komisch, dabei war ich vorhin gar nicht hungrig und wollte eigentlich auch nichts essen…"

Innerlich musste ich lächeln wenn ich daran dachte, dass beide in Kürze gar nichts anderes mehr tun würden.

"Weißt du was, lass’ uns doch einen Salat bestellen, dann sehen wir weiter." meinte Eva.

Ich blickte Samira etwas überrascht an, hatte ich mir doch eigentlich eher vorgestellt, dass die beiden Damen etwas anderes als einen Salat essen sollten. Aber Samira schüttelte nur den Kopf – natürlich hatte sie gewusst, was ich mir dachte – und nickte kaum merklich in Richtung der beiden Frauen.

"Du kannst dir gerne einen Salat bestellen. Ich nehme aber noch was anderes… und zwar…" murmelte Ines, "das hier." Damit zeigte sie auf ein Gericht in der Karte, was Eva veranlasste, den Kopf zu schütteln.

"Das schaffst du doch nie im Leben. Weißt du wie viel das ist?"

"Ja, aber ich habe wirklich Hunger." gestand Ines kleinlaut.

Eva warf selbst noch einen weiteren Blick in die Karte, blickte dann etwas verlegen umher und meinte dann: "Weißt du was, das nehme ich auch."

Ines lächelte nur. "Bist du also doch hungrig." Eva nickte zur Bestätigung. "Und dann möchte ich noch das hier." sprach Ines weiter und deutete ein paar Zeilen tiefer in der Karte.

"Mmh, das ist bestimmt auch lecker…" vermutete Eva. "Und als Nachspeise essen wir noch ein Stück Kuchen?"

"Ok." lachte Ines. "Wenn wir den noch schaffen."

"Tun sie." flüsterte Samira in meine Richtung. Tortzdem glaubte ich es nicht so ganz, denn was die beiden Frauen dann alles bestellten, war wirklich viel. Die beiden würden hier nicht zu abend essen, sondern zu abend fressen – genau so, wie ich es mir gewünscht hatte. Und natürlich ernteten sie mit ihrer Bestellung einige ungläubige Blicke beim Kellner, der aber nichts sagte, sondern kurze Zeit später zuerst die Getränke servierte und einen weiteren Moment später auch schon den Salat auftischte, der wohl die Vorspeise bildete.

Jetzt am Anfang war es noch nicht so interessant für mich, aber es dauerte nicht lange, ehe die beiden Frauen das Grünzeug aufgegessen hatten und man ihnen ihren ersten Gang servierte. Beide hatten sich einen Fleischteller bestellt, wobei das interessante an diesem Menü war, das es eigentlich für zwei Personen gedacht war. In der Tat waren sie ja zu zweit, nur hatte eben jede von ihnen dieses Essen bestellt. Das hieß, sie würden jetzt für vier essen.

Eva und Ines zögerten nicht lange und begannen auch sofort zu futtern. Und wie schnell sie aßen! Auf jedem Teller befanden sich nicht weniger als sechs verschiedene, große Stücke Fleisch, vom Huhn, vom Schwein, vom Rind und so weiter, aber das Tempo, das sowohl Eva als auch Ines hinlegten, würde daraus sehr schnell erst fünf, dann vier und eben so fort machen. Ganz zu schweigen von den Beilagen – Reis und Pommes Frites – die sich wohl ebenfalls nicht lange halten würden.

Ich blickte interessiert umher, ob ausser mir noch jemand dieses Schauspiel beobachtete, aber abgesehen von mir schien niemand davon Notiz zu nehmen. Höchstens Samira, die mir etwas gelangweilt gegenüber saß und mal hierhin, mal dorthin schaute. Ich fragte mich, was sie wohl überlegte, und ob ich mich vielleicht wenigstens gelegentlich ein wenig mit ihr unterhalten sollte. Ich entschied mich dagegen, wollte lieber die beiden Frauen beobachten.

Beide hatten bereits mehr als die Hälfte ihrer Portionen verdrückt und machten keineswegs den Anschein, sich auch nur annähernd satt zu fühlen. Gleichzeitig fiel mir auf, dass sich unter ihren Blusen ihr Bauch ganz allmählich zu runden begann und gegen den Bund ihrer Hosen drückte. Es würde nicht mehr lange dauern…

"Wie genau machst du das eigentlich?" fragte ich Samira beiläufig. "Ich meine, dass die beiden so viel essen?"

"Ich mache gar nichts." sagte Samira. "Ich habe nur dafür gesorgt, dass beide richtigen Hunger haben. So wie du es dir gewünscht hast."

"Das heisst, die zwei essen immer so viel?" blickte ich Samira überrascht an.

"Nein. Nur wenn sie wirklich großen Hunger haben"

"Aha." machte ich und war dennoch einigermaßen erstaunt. Denn es bedeutete, dass die beiden wirklich einen gesegneten Appetit haben mussten.

Es dauerte noch gut 15 Minuten, ehe Eva und Ines ihre Teller leer gefuttert hatten. Der Kellner eilte herbei und deckte ab und versprach, dass der zweite Gang in Kürze folgen würde. Diese Pause nutzten Eva und Ines, um etwas zu verdauen – ihr gutes Recht, hatte jede von ihnen bislang mindestens eineinhalb Kilo Fleisch gegessen, dazu noch der Reis und die Pommes Frites. Ihre Mägen mussten jetzt wirklich gut gefüllt sein. Was heißt, mussten… ich konnte es ja sehen. Sowohl bei Eva als auch bei Ines zeichnete sich nun eine ordentliche Kugel unter ihrer Kleidung ab und mir entging nicht, dass beide immer wieder am Bund ihrer Hosen herum zupften und zerrten, so als glaubten sie, das würde irgend etwas helfen. Aber selbst wenn es das getan hätte, dann stand ja immer noch der zweite Gang aus. Und die Nachspeise…

Der Kellner hielt Wort und servierte nur knapp fünf Minuten später je eine Portion Nudeln mit einer bis zu uns lecker duftenden Soße mit Pilzen. Und auch diese beiden Portionen waren alles andere als klein. Ich will es so sagen: ich hätte mich daran satt essen können, also hatte ich eine ungefähre Vorstellung davon, wie Eva und Ines sich wohl bald fühlen würden.

Dessen ungeachtet machten sich die beiden sogleich daran, auch diese Portion zu essen. Mir fiel auf, dass die beiden im Gegensatz zu vorhin nun recht wortkarg geworden waren und sich kaum noch unterhielten. Stattdessen gaben sich beide ganz der Völlerei hin und futterten beinahe um die Wette. Es war wirklich hübsch anzusehen, wie die beiden sich hier um den Verstand fraßen.

Eva musste den Knopf ihrer Hose öffnen, nachdem sie etwa ein Viertel des Nudelberges geschafft hatte. Ines tat es ihr etwas später gleich, hatte aber bereits gut die Hälfte ihrer Portion verdrückt. Ich bemerkte, dass beide jetzt langsamer aßen und die einzelnen Bissen immer länger kauten. Keine Frage, sie waren beide satt. Vermutlich mehr als das, aber war das ein Wunder?

Es war schon eher verwunderlich, dass beide auch dieses zweite Menü nach einiger Zeit tatsächlich schafften. Sie sahen beide ziemlich erschöpft aus, aber auch zufrieden – was mir eine gewisse Genugtuung verschaffte, immerhin hatte ich dafür gesorgt, dass sie es sich so gut gehen ließen. Allerdings bewunderte ich hauptsächlich die nun prallen Bauche der beiden Frauen. Beide wirkten nun so als seien sie schwanger, etwa im fünften Monat oder so. Ich konnte das schlecht einschätzen, aber in jedem Fall sahen sie wunderbar aus mit diesen vollgestopften Wampen. Zu schade, dass sie trotz allem von ihren Blusen verdeckt wurden.

Wieder eine Weile später servierte der Kellner die Nachspeise – ein großes Stück Schokoladentorte sowohl für Ines als auch für Eva – und als wäre es das Normalste der Welt machten sich die Beiden auch sogleich daran, auch diese noch aufzuessen. Zugegeben, es fiel ihnen sichtlich schwer und ich fragte mich, wo die beiden all das Essen hin packten. Ich meine, ihre Mägen waren bestimmt schon bis zum Platzen gefüllt, wenigstens der Wölbung ihrer Bäuche nach zu schließen, und ein oder zwei Mal hörte ich auch einen unterdrückten Rülpser aus ihrer Richtung. Aber gerade das war es, was ich sehen wollte.

Überhaupt war es ein Wunder, dass ich bei meiner Beoachtung nicht selbst entdeckt wurde. Denn ich musste schon ziemlich offensichtlich geglotzt haben. Aber niemand störte sich daran, also glotzte ich weiter, solange und so gut es eben ging.

Denn eins musste ich leider feststellen: so ganz war es nicht das, was ich mir erhofft hatte. Es war zwar schön zu sehen, wie sich die beiden hier vollstopften. Aber irgend etwas fehlte, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, was es war. So kam es, dass ich zwar auch die nächste halbe Stunde, die die beiden uns noch gegenüber saßen und verdauten – sie rieben sich dabei so schön die prallen Bäuche – meinen Blick nicht von ihnen abwenden konnte, aber nachdem sich Ines und Eva irgendwann schwerfällig erhoben und aus dem Restaurant getrottet waren, war ich dennoch nicht ganz zufrieden.

Auch Samira und ich verließen kurze Zeit darauf das Restaurant, und schon auf der Heimfahrt überlegte ich fieberhaft, was es gewesen war, das fehlte, und warum ich trotz allem noch mehr wollte.

Ich brauchte nicht lange zu überlegen, um es zu wissen.

* * *

Umso schwerer fiel es mir, als ich mich zwei Tage später am Nachmittag mit dem Ergebnis meiner Überlegungen an Samira wenden wollte. Ich war gespannt, was sie sagen würde, denn was ich mir überlegt hatte, wusste sie bestimmt sowieso schon.

Ich begab mich also in Ali Babas Höhle – so hatte ich den arabisch eingerichteten Raum mittlerweile getauft – und fand Samira auf einen samtenen Kissen auf dem Boden sitzend, ihren Blick auf eines der vielen prachtvollen Gemälde, die hier an der Wand hingen, gerichtet. Man konnte sagen, dass das ihre Lieblingsbeschäftigung war; überhaupt schien sie sich in Ali Babas Höhle am wohlsten zu fühlen. In den anderen Räumen hatte ich sie eigentlich noch nie angetroffen – ich hatte ihr erlaubt, dass sie sich jederzeit überall hin bewegen konnte, wo sie nur wollte, solange sie im Haus blieb – normalerweise verbrachte sie ihren Tag entweder hier oder mit mir zusammen. Ich wusste nicht genau, was sie hier tat. Wenn ich so darüber nachdachte, würde ich mich bei Gelegenheit mit ihr darüber unterhalten – bislang war ich doch etwas egoistisch gewesen und hatte mich tatsächlich relativ wenig um Samiras Bedürfnisse gekümmert, so sie denn welche hatte.

Umso mehr grübelte ich nun, ob ich sie tatsächlich mit meinem neuesten Wunsch beauftragen sollte. Denn der war schon fast unerhört egoistisch.

Samira blickte auf, als ich mich ihr genähert hatte. Sie wollte aufstehen, doch ich deutete ihr, dass sie sitzen bleiben sollte. Ich selbst ließ mich vor ihr nieder und nahm den Schneidersitz ein.

"Samira," begann ich, "ich habe einen Wunsch."

"Ich weiß." nickte sie.

"Das dachte ich mir schon." meinte ich. Nach einer kurzen Pause sprach ich weiter. "Also weißt du auch, was ich möchte."

"Ja."

"Und… was hältst du davon? Also, ich meine… wäre das in Ordnung für dich?" fragte ich vorsichtig.

Samira überlegte einen kurzen Augenblick. Dann nickte sie erneut. "Ja."

Das freute mich. Also sprach ich meinen Wunsch aus. "Ich möchte, dass du heute mit mir isst. Für mich isst. Soviel wie du kannst."

"Dein Wunsch sei dir erfüllt." sagte Samira.

* * *

Wenig später saße wir beiden im Esszimmer – das eigentlich eher ein Saal war, schließlich war ja denkbar, dass man mal einige Gäste zu sich einlud – und ich hatte für Samira allerlei Schmackhaftes herbeigewünscht. Nudeln. Reis. Mit leckeren Soßen. Fleisch. Fisch. Etwas Obst. Und natürlich auch etwas Süßes, zum Nachtisch. Ich wusste ja nicht, was ihr schmeckte.

Das war wirklich so, wie mir erst in diesem Moment auffiel. Ich dachte angestrengt nach, aber ich konnte mich nicht erinnern, ob Samira irgend etwas bestimmtes besonders gern mochte. Tatsächlich fiel mir in diesem Moment etwas anderes ein. Nämlich, dass ich Samira bislang überhaupt nie etwas essen gesehen hatte. Wenn ich zu Abend aß, dann war sie zwar meistens anwesend. Aber gegessen hatte sie eigentlich nie etwas. Dass mir das bislang nicht aufgefallen war lag wohl hauptsächlich daran, dass ich beim Abendessen sehr viel mit ihr sprach, immerhin hatte sie viel zu erzählen, zumindest wenn ich die richtigen Fragen stellte. Mittags aß ich ohnehin nicht, und morgens frühstückte ich seit ca. 4 Wochen nur noch in meinem Bett. So wie man es als reicher Schnösel eben tat.

So gesehen würde es heute also richtig spannend werden – in mehrfacher Hinsicht.

Wir saßen beide also an der langen Tafel, und Samira begann zu essen. Sie hatte nicht gewusst, womit sie beginnen sollte, also hatte ich ihr zunächst etwas Obst gereicht. Sie aß einen Apfel und eine Banane, anschließend ein paar Weintrauben. Dann bat ich sie, einige Nudeln zu nehmen und je nachdem, was ihr besser schmeckte, entweder Schnitzel oder Steak dazu. Samira griff nach dem Streak, wobei ich jedoch nicht den Eindruck hatte, dass ihr der Unterschied wirklich bewusst war. Aber so wichtig war das eigentlich auch nicht, was zählte war, dass Samira aß.

Während sie das tat, begnügte ich mich damit, gelegentlich an meinem Wein zu nippen. Ich fand es viel interessanter, ihr beim Essen zuzusehen. Wir sprachen daher auch nicht miteinander, lediglich, wenn sie eine Portion gegessen hatte und ich ihr sagte, was sie als nächstes verspeisen sollte, wechselten wir ein paar Worte. So ging es eine Weile dahin.

Nach etwa einer halben Stunde hatte Samira nicht weniger als fünf großzügige Portionen von allem Möglichen verdrückt und es machte nicht den Anschein, dass sie schon satt war. Ich überlegte mir also, was sie als nächstes essen sollte. Zunächst wollte ich jedoch einen Blick auf ihren Bauch werfen um zu sehen, wie sich die bisherige Fresserei ausgewirkt hatte. Ich bat sie also, aufzustehen.

Wie üblich trug Samira kaum mehr als das nötigste an "Bekleidung", nämlich eben jenen Seidenrock und das Tuch, das ihren Oberkörper umhüllte. Und das war an sich auch ganz nett anzusehen. Warum ich dennoch alles andere als begeistert war, lag an etwas anderem.

Samiras bauch war flach. Nicht ein bisschen runder als zu Beginn, sondern ebenso flach und dünn. So, als hätte sie nicht die kleinste Kleinigkeit gegessen.

"Was… ich… das verstehe ich nicht…" stammelte ich.

"Was verstehst du nicht?" fragte Samira und blickte mich interessiert an.

"Naja… du hast so viel gegessen… und bist trotzdem so schmal?"

"Ja…" meinte Samira und blickte an sich hinunter. "Aber so sehe ich doch immer aus."

Offenbar verstand sie nicht, worauf ich hinaus wollte.

"Eben. Wo ist das ganze Essen hin?" wollte ich ihr auf die Sprünge helfen.

"Das weiß ich nicht." antwortete Samira.

"Wie bitte?" fragte ich irritiert. Samira zuckte nur mit den Schultern. "Aber es kann sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben." stellte ich fest.

"Ich weiß nicht. Kann es das?" fragte Samira.

Ich überlegte. Konnte es wirklich sein, dass Samira sich in dieser Sache wirklich nicht auskannte? Wie gesagt, ich hatte sie ja noch nie essen gesehen. Andererseits konnte sie ja meine Gedanken lesen, zumindest vermutete ich das. Und sie war ja dabei gewesen, als ich vor zwei Tagen Eva und Ines mit einem gesegneten Appetit beglückt hatte. Eigentlich musste sie doch wissen, worauf ich hinaus wollte.

"Wie gesagt, du bist so schmal. Du müsstest nach alldem, was du gegessen hast, einen… naja, einen viel dickeren Bauch haben." erklärte ich ihr.

"So etwa?" fragte Samira und von einer Sekunde zur anderen wölbte ihr Bauch sich wie der einer schwangeren Frau nach vorne. Einfach so – plopp.

"Nein… also naja, doch, aber nicht so…" meinte ich einigermaßen überrascht von diesem Blitz-Buddha-Bäuchlein, das Samira innerhalb eines Augenzwinkerns herbei gezaubert hatte.

"Das verstehe ich nicht." sagte Samira.

"Schon in Ordnung." meinte ich und deutete ihr, sich wieder zu setzen. Offenbar begriff sie wirklich nicht, worum es mir ging. "Du kannst deinen Bauch ruhig wieder… dünn machen."

"Ich dachte, du willst das so?" fragte sie.

"Ja schon, aber nicht, weil du dir den Bauch hinzauberst."

Samira blickte mich etwas ratlos an, also überlegte ich, wie ich es ihr erklären sollte.

"Hast du schon einmal etwas gegessen? Also ich meine, früher, vor heute Abend."

Samira schüttelte den Kopf.

Ich machte große Augen. "Das heisst, du isst nichts?"

"Nicht nichts. Nur sehr, sehr selten. Das letzte Mal vor vierhundertvierzehn Jahren, drei Monaten und acht Tagen."

"Aber wie…" begann ich meine Frage, aber Samira schien sie zu erahnen und unterbrach mich.

"Ich bin eine Dschinniya. Ich brauche nichts zu essen."

"Hmm." machte ich. "Nun ja, weißt du, Menschen essen. Und wenn sie viel essen, dann wird ihr Bauch dick."

"So wie bei den beiden Frauen im Restaurant." stellte sie fest.

"Ja, richtig. Ich dachte, das wäre bei dir auch der Fall."

"Nein." kam Samiras wie üblich knappe Antwort.

"Hmmm." machte ich. "Weil du ein Lampengeist bist."

"Ja."

"Hmmm." machte ich noch einmal. Das bedeutete also, dass mein Wunsch einigermaßen sinnlos war. Samira würde zwar alles essen, was ich mir wünschte. Und wenn ich es mir wünschte, dann würde sie auch ihren Bauch binnen eines Augenblicks kugelrund werden lassen. Nur war das leider überhaupt nicht das, was ich wollte.

"Ich glaube, der Wunsch war eine dumme Idee." sagte ich. "Lass doch bitte die Sachen hier (dabei deutete ich auf das übrige Essen) verschwinden. Für den Rest des Tages darfst du dann tun was du möchtest."

"Und was machst du?" fragte Samira nach. Das war sehr ungewöhnlich, bislang hatte sie noch nie danach gefragt, was ich tun würde. Sie schien zu bemerken, dass ich nicht zufrieden damit war, wie sich mein Wunsch entwickelt hatte.

"Ich muss nachdenken." sagte ich ihr.

Dann stand ich auf und ging, nach oben in mein Schlafzimmer.

* * *

Ich verbrachte die nächsten beiden Stunden damit mir zu überlegen, wie ich denn endlich an mein Ziel kommen könnte. Ich befand mich gewissermaßen in einer verzwickten Lage. Ich konnte nicht einfach eine berühmte Frau herbei wünschen, niemanden, den ich kannte, und auch Samira konnte mir den Wunsch nicht, oder jedenfalls nicht in der Art, wie ich es wirklich wollte, erfüllen. Da hatte ich nun diese Dschinniya, und trotzdem konnte ich mir nicht alles beschaffen, was sich wollte. Vielleicht würde ich es einfach sein lassen müssen.

Während ich für diese Erkenntnis viel zu lange brauchte, schlich ganz allmählich ein anderer Gedanke in meinen Kopf. Samira hatte gesagt, dass sie eigentlich nie etwas aß. Ich fragte mich, ob sie überhaupt wusste, was ihr damit entging. Denn immerhin aß man ja nicht nur, um zu überleben. Natürlich war das der Hauptantrieb. Doch wenn man es etwas weniger primitiv betrachtete, dann spielte auch der Genuß eine wichtige Rolle. Der Geschmack von gutem Essen war schon die eine oder andere Sünde wert. Ich konnte oder wollte mir gar nicht vorstellen, dass das eine Sache war, die Samira nicht kannte.

Wenn ich ehrlich sein sollte, dann tat sie mir ein wenig leid. Hatte sie wirklich ihr ganzes… Leben (Dasein?) nur damit verbracht, Menschen irgendwelche Wünsche zu erfüllen? Wahrscheinlich war das so. Samira hatte mir so viel darüber erzählt, wie man sich ihretwegen bekriegt hatte, was sich die Sieger sodann alles von ihr gewünscht hatten. Sie selbst war nie gefragt worden, was sie eigentlich selbst wollte. Sie hatte immer nur Wünsche erfüllt, zumeist materielle, aber man hatte sich nie gefragt, ob Samira nicht mehr war als nur eine Dschinniya. Ihre Aufgabe war es nicht, selbst zu entscheiden, sondern anderen ihre Wünsche zu erfüllen. Deshalb kannte Samira keine Wünsche, wusste nicht, was ihr selbst gefiel und was ihr selbst Spaß machte.

Was wollte sie eigentlich selbst? Ich hatte sie das nie gefragt, dazu hatte ich nie einen Anlaß gesehen.

Vielleicht sollte ich es einmal tun. Warum sollte sie nicht auch Wünsche haben? Sie musste doch auch irgend etwas wollen. Ich entschloss mich, mich mit Samira darüber zu unterhalten. Sie hatte in so kurzer Zeit so viel für mich getan, was wäre ich für ein Mensch gewesen, wenn ich mich dafür nicht erkenntlich zeigen würde?

Dann wusste ich es. Was für ein Idiot ich doch war. Ich stand auf und ging in Ali Babas Höhle.

* * *

Samira saß wieder auf dem Kissen und blickte die Bilder an. Sie sah mich herein kommen, und wie vorhin schon deutete ich ihr, dass sie sitzen bleiben konnte. Ich nahm neben ihr Platz, auf dem Boden. Und sah mir ebenfalls die Bilder an.

Ich versuchte, Samiras Blicken zu folgen und blieb schließlich bei dem dritten Bild von rechts hängen. Das war das Bild, das Samira betrachtete, und zwar ohne Unterlaß. Also wollte ich es mir einmal etwas genauer ansehen. Das Bild war golden umrahmt. Die Malerei selbst wirkte auf den ersten Blick eher unspektakulär, sie zeigte eine junge Frau, die durch einen Park wanderte. Zu ihrer rechten befanden sich eine bunte Pflanzenwelt, exotisch und bei genauerer Betrachtung unglaublich schön. Links schlängelte sich ein blauer Fluß durch die Landschaft, unter einem rötlichen Horizont. Es war ein schönes Bild. Und zugleich strahlte es eine gewisse Traurigkeit aus, die einem erst bewusst wurde, wenn man es länger ansah. Ich brauchte relativ lange, ehe ich erkannte, warum das so war. Die Frau in dem Bild hatte ein starres Gesicht und leere Augen. Obwohl sie sich in dieser wunderbaren Welt befand, war sie ganz allein.

Ich konnte verstehen, warum Samira dieses Bild betrachtete.

Ich blieb noch eine Weile wortlos neben ihr sitzen, ehe ich zu sprechen begann.

"Samira, gibt es etwas, das du dir wünscht?" fragte ich sie.

Samira blickte mich an, und zum allerersten Mal hatte ich nicht den Eindruck, dass sie mich vollkommen durchschaute, wenn sie in meine Augen blickte.

"Ich?" fragte sie. "Warum?"

"Ich möchte nur wissen, ob es etwas gibt, das du selbst möchtest."

"Ich… ich weiß nicht." meinte Samira.

Ich blickte Samira weiter an. "Ich glaube ich weiß, warum du dieses Gemälde so oft ansiehst. Du bist sie." Samira antwortete nichts, aber sie blickte wieder auf das prachtvolle Werk. "Das muss nicht so sein, weißt du?"

Samira blickte nun wieder mich an. "Wie meinst du das?"

"Nun, ich glaube, du hast lange genug anderen Menschen Wünsche erfüllt. Ich finde, du solltest auch einmal für dich selbst entscheiden."

"Das verstehe ich nicht."

"Das habe ich mir schon gedacht." lächelte ich sie verständnisvoll an. "Aber du wirst es bald verstehen. Ich möchte mir nämlich etwas wünschen."

"Und was…" fragte Samira, brach dann aber mitten im Satz ab und schien plötzlich angestrengt nachzudenken. "Das ist komisch." ließ sie mich nach fast einer Minute wissen. "Ich kann überhaupt nicht erkennen, was passieren wird."

Das war interessant. Offenbar betrat ich mit meinem Wunsch Neuland.

"Macht dir das Angst?" fragte ich.

Samira überlegte. "Ich weiß nicht. Nein?" fragte sie schließlich.

"Du musst auch keine Angst haben." versicherte ich ihr, obwohl ich mir selbst nicht so sicher war, ob das stimmte. "Aber bevor ich meinen Wunsch ausspreche, musst du mir etwas versprechen." Das sagte ich nicht ohne Grund, denn ich war mir ziemlich sicher, dass Samira später nicht mehr verpflichtet war, mir meine Wünsche zu erfüllen. Sie würde dann selbst entscheiden dürfen. "Ich werde dich später um etwas bitten. Du wirst das nicht tun müssen, nur wenn du es möchtest. Auch wenn du das jetzt noch nicht verstehst, aber ich bin dann nicht mehr dein Meister."

"In Ordnung." bestätigte Samira.

"Also gut. Dann wünsche ich mir, dass du bis zum morgigen Tag ein Mensch bist. Du wirst selbst entscheiden können, was du möchtest, solange, bis du dich dann wieder zurück in eine Dschinniya verwandelst."

Samira blickte mich verblüfft und mit offenem Mund an. Ich konnte beinahe sehen, wie sie überlegte. Wie sie nachdachte, ob sie mir diesen Wunsch erfüllen konnte, ob sie es überhaupt durfte.

Anscheinend durfte sie, denn mit einigermaßen zittriger Stimme und merkbar ungläubigem Tonfall sagte sie dann: "Dein Wunsch sei dir erfüllt."

* * *

Die Veränderung war verblüffend. Zwar blitzte und donnerte es nicht und auch sonst ließen keine unheilverkündenen Boten erahnen, dass etwas Großes geschehen war. Es machte nicht einmal Puff. Und trotzdem merkte ich sofort, dass Samira keine Dschinniya mehr war, nachdem sie den letzten Satz gesprochen hatte.

Sie sah genau so aus wie vor einem Augenblick, nur ganz anders. Es waren ihre Augen. Wenn ich in diese blickte, so sah ich nun nicht mehr in die einer meherere Jahrtausende alten Dschinniya, die über magische Kräfte verfügte und in die Zukunft sehen oder meine Gedanken lesen konnte. Ich blickte einfach in die Augen einer wunderschönen, jungen Frau.

Samira selbst saß nur da und blickte mich staunend an, den Mund offenstehend und musterte mich, als hätte sie mich noch nie zuvor gesehen. Es kam mir vor, als wären wir wieder am Tag unseres Kennenlernens angelangt, nur dass wir die Rollen vertauscht hatten.

"Ist alles in Ordnung?" fragte ich sie schließlich.

"…ja…" flüsterte Samira. "Alles fühlt sich so anders an… komisch…irgendwie…"

Das konnte ich mir vorstellen. Es passierte wohl nicht alle Tage, dass man von einem Geistwesen in einen Menschen verwandelt wurde. Ich konnte mir vorstellen, dass es anders herum eher möglich war. Vorausgesetzt, man rauchte "die richtigen Sachen".

Ich ließ Samira noch eine Weile Zeit, sich an die Veränderung zu gewöhnen – soweit ihr das möglich war. Es war interessant, sie dabei zu beobachten, wie sie ganz allmählich begann, ihren Körper zu spüren und ihre Sinne zu entdecken. Erst betastete sie sich selbst vorsichtig, strich mit den Fingerspitzen über ihre Haut. Dann schließlich berührte sie vorsichtig mich, etwas, das sie so auch noch nie getan hatte. Sie zog die Hand schnell wieder zurück und ich musste lächeln.

Etwas verschämt fragte sie schließlich: "Warum hast du das gemacht?"

"Um ganz ehrlich zu sein: weil ich noch etwas von dir möchte. Aber auch, weil ich wollte, dass du weißt, wie wir Menschen fühlen."

"Und was wünscht du dir noch?"

"Nein, nicht wünschen. Das ist jetzt kein Wunsch mehr, den du mir erfüllen musst. Du kannst selbst entscheiden. ich möchte dich lediglich um etwas bitten."

"Ich… verstehe…" sagte Samira, obwohl ich ihr das nicht ganz glaubte.

"Würdest du heute mit mir essen?" fragte ich.

Samira überlegte kurz, und es war beinahe so, als konnte ich sehen, wie sie ihre neue Freiheit erkannte. Offenbar wurde sie sich in diesem Moment darüber bewusst, dass sie es nicht zu tun brauchte, obwohl ich es mir natürlich wünschte. Sie konte selbst entscheiden.

Und, zu meiner großen Freude, entschied sie sich so, wie ich es mir gewünscht hätte.

* * *

Wir saßen im Esszimmer. Einem richtigen Esszimmer, nicht dem Speisesaal von früher am heutigen Tag, sondern einem kleinen Raum, in dem ich speisen konnte, wenn ich keine Gäste hatte. Nur hatte ich dieses Mal keine Unmengen an Leckereien auftischen können, Samira war ja nun keine Dschinniya mehr und so konnte ich nicht einfach ein riesiges Menü herbei wünschen. Aber das war auch nicht nötig. Ich musste ja davon ausgehen, dass Samira heute zum ersten Mal in etwa 3800 Jahren etwas essen würde, und gemessen an ihrer Statur – die ja nun einer jungen schlanken Frau gleich kam – war nicht damit zu rechnen, dass es in einem Gelage ausarten würde.

Anders gesagt: das bisschen, was sich so in der Küche finden würde, würde reichen.

Viel war es wirklich nicht, ich hatte noch etwas Obst zu Hause, genauer gesagt drei Bananen und eine Birne. Im Kühlschrank fanden sich ein paar Eier, aus denen ich Rühereier machte und die ich salzte und etwas Pfeffer darüber gab. Und dann hatte ich noch jeweils einen Pudding mit Vanille-, Schokoladen- und Erdbeergeschmack.

Ich breitete alles vor Samira aus und bat sie, zu probieren. Samira nahm sich zunächste eine der Bananen, aber ich riet ihr, mit den Rühreiern zu beginnen, ehe diese kalt wurden. Samira legte also die Banane zurück und griff nach einer Gabel, dann begann sie die Rühreier zu essen.

"Das schmeckt gut." stellte sie schon nach einem Bissen fest. "Sehr gut. Du bist ein fantastischer Koch."

Ich musste lachen. "Nur nicht so voreilig… das sind nur Rühreier, aber schön, dass es dir schmeckt. Es gibt noch viel bessere Sachen."

"Zum Beispiel?" erkundigte Samira sich.

Und ich begann zu erzählen, nannte alle Gerichte, die mir so einfielen, versuchte die Geschmäcker zu beschreiben – was teilweise einigermaßen sinnlos war, denn im Moment wußte Samira nur, wie Salz, Pfeffer und Eier schmeckten. Was für eine Dschinniya eine ganze Menge war. Aber während ich erzählte, lernte Samira der Reihe nach immer mehr Geschmäcker kennen, da sie nach den Rühreiern erst den Erdbeerpudding, dann den mit Vanillegeschmack verzehrte, zuletzt den Schokoladenpudding verspeiste. Und ich erzählte ihr von allen exotischen Speisen, die ich in meinem Leben bisher kennen gelernt hatte und von denen ich dachte, dass sie ihr schmecken könnten, oder die sie zumindest meinem Bericht nach interessieren könnten. Und so verschwand Stückchen für Stückchen das zwar nicht fürstliche, aber doch ansehnliche erste Mahl in Samiras Bauch.

Nachdem sie alles aufgegessen hatte – bei Weitem nicht so viel, wie ich ihr am liebsten serviert hätte – lehnte sie sich satt zurück und rülpste leise, woraufhin ich ihr anschließend erklärte, warum sie das hatte tun müssen. Und tatsächlich, ein Blick auf Samiras sonst so dünnen Bauch war auch insofern erfreulich, als dass er sich tatsächlich – wenn auch nur minimal – ein ganz kleines bisschen nach vorne wölbte. Samira nahm das eher uninteressiert zur Kenntnis.

"Gibt es noch mehr?" fragte sie dann, nachdem sie alles aufgegessen hatte.

"Nein, tut mir leid, mehr haben wir nicht zu Hause." gestand ich.

"Schade…" murmelte Samira.

Was für eine Schande. Da war ich – vermutlich – der reichste Mann der Welt, und dann konnte ich Samira nicht einmal ein Butterbrot anbieten.

Andererseits… ich war ja reich, und so hatte ich eine Idee.

"Magst du Pizza?" fragte ich, obwohl ich wusste, dass Samira mir darauf keine Antwort geben konnte.

* * *

Etwa drei Stunden später hatte ich mich mit Samira in mein Schlafzimmer begeben. Samira hatte, seitdem der Abend begonnen hatte, eine wahre Odysee an Geschmäckern hinter sich gebracht, und das sah man ihr nun auch an.

Doch, ich musste schon sagen, der Abend hatte sich viel besser entwickelt, als ich es mir erhofft hatte. In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir nicht erwartet, dass es so laufen würde. Dreimal hatte ich den Pizza-Bringdienst angerufen. Beim ersten Mal war es eine Pizza gewesen, beim zweiten Mal hatte ich irgendein Nudelgericht bestellt und dazu etwas Eiscreme und beim dritten Besuch des "Pizza"-Boten – dessen Blick mir beim letzten Besuch ein gewisses Unverständnis bezüglich meines Bestellverhaltens verriet – lieferte er schließlich eine riesige Portion Tiramisu.

Samira hatte alles gegessen, was ich für sie hatte kommen lassen. Erst die Pizza, dann die Nudeln. Die Eiscreme. Und schließlich noch das kalorienreiche Tiramisu, ehe sie nicht einen Bissen mehr hinunter gebracht hatte. Geradezu enttäuscht hatte sie das feststellen müssen. Egal was es gewesen war, alles war so lecker gewesen und hatte ihr so gut geschmeckt, dass sie – wenn sie es gekonnt hätte – wohl immer weiter und noch mehr ge(fr)essen hätte. Sie war so gierig gewesen.

Es war tatsächlich so gewesen, dass ich richtiggehend dabei zusehen konnte, wie ihr Bauch immer voller und dicker wurde. Und dieses Mal war es nicht irgendeine Zauberei, sondern wirklich die Folge ihres ungezügelten Essens. Samira dabei zu beobachten war in mehrfacher Hinsicht für mich befriedigend gewesen. All die verschiedenen Geschmäcker, die von zwar so einfachen Gerichten her rührten, für Samira aber gänzlich neu waren und von ihr bis zum letzten ausgekostet wurden. Es war ein Freude, den Genuß, den sie dabei empfand, in ihren Augen ablesen zu können. Einige Male hatte sie fast ein wenig zu hastig gegessen, weil es ihr so gut schmeckte oder weil sie es nicht erwarten konnte, etwas anderes zu probieren. Man konnte schon fast sagen, dass Samira ein richtiger kleiner Vielfraß war. Dieser Gedanke wiederum führte bei mir selbst zu einiger Erregung.

Überhaupt war ich durchaus überrascht, wie viel sie tatsächlich essen konnte. Ich wusste nicht, ob sie nur einfach hungrig war. Ich jedenfalls hätte nach vierhundert Jahren ohne Essen einen recht unliebsamen, weil ausgehungerten Zeitgenossen abgegeben. Nicht so Samira: egal was ich ihr anbot, sie nahm es dankbar entgegen und freute sich einfach über die Tatsache, dass sie ihre neuerlangten Sinne immer wieder aufs Neue ausprobieren konnte. Dabei stellte ich fest, dass ihr zwar grundsätzlich alles zu schmecken schien. Samira konnte natürlich die Geschmäcker nicht wirklich von einander unterscheiden, ließ sich von mir sagen, ob das, was sie gerade aß, süß, salzig, bitter oder sonstwie schmeckte. Aber ganz offensichtlich bevorzugte sie die süßen Speisen mehr. Vor allem das Tiramisu hatte es ihr angetan. Das war gut, immerhin war sie zu dem Zeitpunkt, als ich es ihr servierte, schon zum Platzen vollgefressen. Nachdem es ihr aber von allem, was sie an diesem Abend verzehrt hatte, ganz offensichtlich am besten schmeckte, zwang sie sich, soviel sie nur konnte davon zu essen. Ihr ohnehin schon praller Magen wurde noch etwas mehr gefüllt und dehnte sich noch etwas weiter, so dass Samiras Bauch schließlich so gar nichts mehr mit ihrer anfänglich so schmalen Körpermitte gemein hatte.

Nur, irgendwann war sie auch einfach viel zu voll gewesen, um auch nur einen Bissen mehr in ihren zarten Körper zu pressen. Ihr Bauch hatte sich nach nicht ganz vier Stunden nur von kurzen Pausen unterbrochener Völlerei zunächst leicht gerundet, war schließlich ordentlich gewachsen und nun prall gefüllt mit soviel Essen, wie sie eben in sich hatte hinein zwängen können. Sie hatte kaum noch aufstehen können, als sie endlich alles aufgegessen hatte, so voll war sie gewesen. Ihr praller Bauch spannte geradezu ob der übermäßigen Füllung, und ich konnte in unregelmäßigen Abständen ein Gurgeln oder Blubbern aus ihm vernehmen. Ich glaube auch, dass ihr ein wenig schlecht war, was natürlich nicht verwunderlich gewesen wäre. Gesagt hatte sie es nicht, aber ich sah ihr an, dass sie mit sich zu kämpfen hatte, alles unten zu behalten. Ich habe keine Ahnung, wie es ihr gelang, nachdem sie nie zuvor (so viel) gegessen hatte.

Wer hätte ahnen können, dass Samira sich derart von den Genüssen überwältigen lassen würde? Nun, vielleicht war das voraussehbar gewesen, nachdem alles so neu für sie gewesen war. Man kennt das ja von Kindern, die ein neues Spielzeug bekommen: es dürfte eher die Ausnahme sein, dass sie dann nicht die ganze Zeit damit spielen wollen. Aber darauf kam es ohnehin nicht an. Die Hauptsache war: Samira war satt und glücklich. Ich war nicht satt, dafür überglücklich.

Und neugierig, wie Samira nunmal war, war ihr auch nicht entgangen, dass mir durchaus gefallen hatte, was in den vergangenen Stunden abgelaufen war.

Weshalb wir uns nun, wie erwähnt, auf dem Weg in mein Schlafzimmer befanden.

* * *

Ich glaube, ich bin der einzige Mensch, der jemals mit einer Dschinniya geschlafen hat. Das stimmte zwar nicht so ganz, immerhin war Samira ja gestern ein Mensch gewesen. Aber es klang einfach besser. Auch wenn ich nie jemandem davon erzählen würde können.

Heute morgen jedenfalls hätte ich gerne mit jemandem darüber gesprochen, was gestern passiert war. Im Bett war tatsächlich nicht mehr so viel gelaufen, nachdem Samira sich kaum noch hatte rühren können. Ausserdem… nach ihrem ersten Mahl hatte sie gestern gewissermaßen auch noch… ihr erstes Mal erlebt und das war letzten Endes wohl einfach zu viel des Guten für sie gewesen. Doch wer will es ihr verdenken? Wer auf sein erstes Mal fast 4000 Jahre warten muss und erst nach einem üppigen Gelage dazu kommt, der hatte es sich redlich verdient, im Anschluss daran einzuschlafen (und erstmal zu verdauen).

Allerdings, und das fand ich schade: als ich heute morgen aufwachte, war ich allein im Bett. Samira lag nicht mehr neben mir. Ich nahm an, dass sie sich mittlerweile wieder in eine Dschinniya zurück verwandelt hatte, und dass sie schon deswegen vielleicht nicht die gleiche körperliche Nähe wie getern zu mir suchte. Aber sie hätte wenigstens in meinem Zimmer bleiben können.

Ich blieb noch eine Weile liegen, ehe ich aufstand. Ich rasierte und wusch mich, anschließend begab ich mich in die Küche, um zu frühstücken.

Das Frühstück fiel jedoch erstmal aus. Zum einen, weil ja nichts essbares mehr zu Hause war. Zum anderen, weil sich Samira einfach nicht zeigen wollte. Auch nicht, als ich nach ihr rief. Ich machte mich schließlich auf die Suche nach ihr, konnte sie aber nirgendwo finden. Sie war weder in Ali Babas Höhle noch hatte sie sich irgendwo sonst in der Villa vor mir versteckt.

Doch wer konnte das schon genau sagen. Wenn sie sich wirklich wieder in eine Dschinniya zurück verwandelt hatte, so konnte sie vermutlich überall sein.

Ich dachte mir also nichts dabei, rief abermals beim Pizza-Bringdienst an und bestellte mir eine Pizza zum Frühstück. Warum auch nicht, ich war reich, der Pizzabote ein anderer. Ich gab ihm trotzdem ein fürstliches Trinkgeld.

Den Rest des Vormittages verbrachte ich damit, mich zu langweilen. Samira ließ sich nicht blicken, und allmählich begann ich mir Sorgen zu machen. Hatte mein Wunsch vielleicht doch nicht so gut funktioniert, wie ich es mir erhofft hatte? Wenn sie sich nun nicht zurück verwandelt hatte? Vielleicht hatte sie sich einfach in Luft aufgelöst. War das möglich? Und wenn nicht: war sie vielleicht immer noch ein Mensch? Konnte sie sich gar nicht zurück verwandeln? War sie dann vielleicht einfach gegangen? Weil sie jetzt frei war?

Gerade, als meine Gedanken begannen, sich in eine unschöne Richtung zu entwickeln, erschien Samira. Ich sage erschien, denn sie stand plötzlich da. Einfach so. Wie der blaue Elefant vor einiger Zeit. nur dass Samira mit diesem wenig Ähnlichkeit besaß. Kein Gramm Fett hatte die gestrige Fressorgie auf ihren Hüften hinterlassen. Man möchte fast meinen, ich hatte den Königsweg der Diäten entdeckt. Dschinniya-Diät anstatt Brigitte-Diät.

"Da bist du!" rief ich aus. "Ich habe mir schon Sorgen gemacht."

Ich musterte sie kurz, und ein Blick in ihre Augen verriet mir, dass sie wieder eine Dschinniya war. Kein Mensch mehr, wieder nur ein Lampengeist. Ein Lampengeist, der mich sehr ernst anblickte.

"Ist etwas?" fragte ich.

Samira nickte.

"Niclas," begann sie – was einigermaßen ungewöhnlich war, sie sprach mich nie mit meinem Namen an, sondern immer mit "Meister" – , "ich… ich möchte mit dir reden."

Auch das war ungewöhnlich. Samira hatte bislang noch nie ein Gespräch begonnen.

"Und worum geht es?"

"Es geht um das, was gestern gewesen ist."

"Aha." machte ich. "Hat es dir nicht gefallen."

Samira blickte mir tief in die Augen.

"Doch. Doch, das hat es." Sie wandte ihren Blick nicht von mir ab, machte aber eine kurze Pause, ehe sie weitersprach. "Das ist es ja gerade."

"Wie meinst du das?" fragte ich.

"Ich… ich möchte immer so sein…" antwortete sie mit zittriger Stimme.

Ich brauchte keinen Augenblick um zu begreifen, was sie mir hier ohne große Umschweife gerade zu erklären versuchte. Und mir war relativ klar, dass sie mit "immer so sein" nicht "dauerüberfressen" meinte. Samira wollte ein Mensch sein. Darüber musste ich nachdenken.

"Bist du dir da sicher?" fragte ich.

"Ja." Samira nickte sofort und blickte mich hoffnungsvoll an.

"Aber ich muss das entscheiden, richtig? Weil ich dein Meister bin."

"Ja."

Ich sog hörbar Luft ein. Das war keine leichte Entscheidung. Ich glaube fast, egal wie ich mich entschied, ich würde mit meiner Entscheidung ein wenig "Gott" spielen. Aber das hatte ich ja gestern auch schon getan. So gesehen war es also egal, ich hatte Erfahrung auf dem Gebiet. Ich begann, in meinen Gedanken die Argumente für und wider die eine oder andere Entscheidung abzuwägen.

Wenn ich Samira ihren Wunsch verwehrte, dann wäre ich weiterhin ihr Meister. Ich könnte mir alles von ihr wünschen. Sie müsste es erfüllen, wann immer ich es wollte. Wenn ich ihn ihr erfüllte, dann konnte ich mir nichts mehr von ihr wünschen. Ich konnte ja nicht einmal davon ausgehen, dass sie hier bei mir blieb. Immerhin war das dann ihre Entscheidung.

Ich glaube fast, dieser letzte Gedanke könnte den Ausschlag geben. An materiellen Gütern besaß ich alles, was ein Mensch sich vorstellen konnte, und dann noch ein bisschen mehr. Dinge brauchte ich mir nicht zu wünschen. Andererseits schätzte ich das Zusammensein mit Samira. Gestern war es sehr schön gewesen, zusammen, vor allem, als sie ein Mensch gewesen war.

Als sie ein Mensch gewesen war. Als Dschinniya war sie meine Sklavin, als Mensch mochte ich sie. Vielleicht sogar mehr…

Ach, was soll’s. Ich war nie jemand, der in der Lage ist, große Entscheidungen zu treffen. Wozu auch? Ich hatte das selten getan, und trotzdem stand ich heute hier, war der reichste Mann der Welt und redete mit einem Flaschegeist, einem Fabelwesen. Vor längerer Zeit war ich deswegen schon einmal der Meinung gewesen, ich sei verrückt geworden.

Und mal ehrlich, wer vertraut einem Verrückten schon derart essentielle Fragen an? Aber ich weiß, dass nur jemand, der völlig plemplem ist, sich anders als ich entschieden hätte.

"Weißt du was," begann ich und sah Samira an, die vor Gespanntheit auf meine Antwort zitterte – was bei einem Geist wahrhaft interessant aussieht, ich aber wohl nie wieder sehen werde – , "ich glaube, ich habe einen allerletzten Wunsch."

 

Ende (wird vielleicht fortgesetzt)

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